Ein Wegstein auf dem französischen Jakobsweg in Spanien

Camino Frances 2016 – Tag 13: Von Gonzar über Palas de Rey nach Ponte Campana (25 km)

Tag 13 – Ein Wiedersehen mit lieben Pilgerfreunden

Die Nacht in Gonzar war anstrengend und trotz gemütlichem Bett habe ich hundsmiserabel geschlafen. Eine Gruppe Spanier, die uns schon beim Abendessen gestern durch ihre enorme Lautstärke auf die Nerven gegangen war, hat noch bis spät in die Nacht gefeiert. Bis kurz nach 2 Uhr war Radau und ich habe erst gegen halb drei mal langsam geschlafen. Dem Wecker ist das natürlich egal. Er klingelt trotzdem erbarmungslos um 6 Uhr und ich krieche übernächtigt und schlecht gelaunt aus dem Bett. Rings um uns schläft noch alles und so ziehen wir uns leise an, raffen unser Zeug zusammen und verziehen uns zum Packen der Rucksäcke in den Aufenthaltsraum. Frühstück gibt es um diese Zeit in der Albergue noch nicht. Kaffee auch nicht. Also machen wir uns gegen 6:30 Uhr wieder auf den Weg. Wenigstens verspricht der Pilgerführer heute schon nach wenigen Kilometern die erste Bar.

Wo bitte geht´s denn hier weiter?

Auf dem Weg aus dem Dorf hinaus verlaufen wir uns zuerst einmal nach allen Regeln der Kunst. Die Wegbeschreibung im Pilgerführer ist maximal verwirrend, weit und breit sind keine gelben Pfeile zu sehen und wir haben absolut keinen Plan, in welche Richtung wir überhaupt gehen sollen. In einen wirren Zickzack schleichen wir quer durchs Dorf und landen schließlich am Ortsausgang. Dort befindet sich die öffentliche Herberge und wir hoffen, dass die Wegbeschreibung ab dort ein wenig besser ist. Aber Pustekuchen: auch hier sind keine Pfeile zu sehen. Und die wenigen anderen Pilger, die ebenfalls schon unterwegs sind, suchen genauso ratlos Häuser, Wege und Büsche ab.

Auf gut Glück beschließen wir, einfach ein Stück neben der Straße aus Gonzar raus zu laufen. Irgendwann muss ja mal eine Markierung kommen. Und tatsächlich: Nach wenigen Minuten zweigt ein schmaler Feldweg links von der Straße ab und von Weitem schimmert uns hellgelb ein Pfeil entgegen. Endlich.

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Wiedergefundene Pilgerfreunde

Froh, auf dem richtigen Weg zu sein, wandern wir mal wieder in die Nacht hinein. Im Schein unserer Stirnlampen geht es bergauf und schon nach kurzer Zeit stehen wir vor der Bar, die im  Pilgerführer angekündigt war. Sie hat zum Glück schon offen und wir setzen uns auf einen schnellen Kaffee hinein. Mehr ist heute früh nicht drin und nach zehn Minuten nehmen wir den weiteren Weg in Angriff. Das Wetter sieht heute, im Gegensatz zu gestern, gar nicht mal so schlecht aus. Es ist zwar bewölkt, aber relativ hell und verspricht weitestgehend trocken zu bleiben. Die Temperaturen sind außerdem recht angenehm und es bläst mal wieder ein erfrischender Wind. Perfektes Pilgerwetter. Die Strecke ist außerdem nicht sonderlich kompliziert, geht fast durchweg auf schmalen Pfaden der Straße entlang und weil es nicht viel Interessantes zu sehen gibt, kommen wir richtig gut voran.

Als wir die ersten 6 km hinter uns haben, entdecken wir weit vor uns zwei Pilger. Von der Statur und der Farbe ihrer Rucksäcke könnten das Gini und Andi sein. Die beiden haben wir nicht mehr gesehen, seit wir uns vorgestern auf dem Weg nach Sarria getrennt hatten und wir vermissen sie schon ein bisschen. Also legen wir einen Gang zu, schließen zu dem Pärchen auf und tatsächlich: sie sind es. Wir freuen uns riesig und beschließen, heute mal wieder gemeinsam weiter zu gehen. Zuerst unterhalten wir uns ein bisschen über die letzten Tage, aber weil sich unsere Gehgeschwindigkeiten doch ziemlich unterscheiden, fällt Gini schnell zurück. Sandra und Andreas spurten in einem Eiltempo voran und Dirk und ich gehen gemütlich in der Mitte weiter.

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Camino Spirit at its best

Kurz vor 10 Uhr quengelt Dirk nach einer Bar. Das obligatorische 10 Uhr Bier ist fällig. Mir wäre ein Bar jetzt auch nicht unrecht, denn es fängt langsam aber sicher mal wieder auch an zu nieseln und ich habe absolut keinen Nerv darauf, schon wieder nass zu werden. Prompt taucht hinter der nächsten Kurve tatsächlich eine Bar auf. Wir können uns das Lachen nicht verkneifen. Da hat der Camino Spirit mal wieder ganze Arbeit geleistet. Wir betreten die Bar und wundern uns schon gar nicht mehr darüber, dass Sandra und Andi bereits drin sitzen und auf uns warten. Das war ja irgendwie klar. Und wir wundern uns auch nicht, dass es exakt in dem Moment anfängt wie aus Kübeln zu schütten, als wir uns an den Tisch setzen. So langsam glauben wir nicht mehr an Zufälle.

Erst sieht es so aus, als würde es sich richtig einregnen und als Gini nach rund 20 Minuten ebenfalls an der Bar ankommt, sieht sie aus wie ein begossener Pudel. Zum Glück lässt der Regen nach einer Weile aber doch etwas nach und es ist auch langsam an der Zeit weiterzulaufen. Bis zu nächstgrößeren Stadt, Palas de Rey, sind es noch gut sechs Kilometer und bis zu unserem heutigen Tagesziel Ponte Campana noch elf.

Laut unserem Pilgerführer gibt es in Ponte Campana nur eine einzige Herberge. Und die hat auch noch recht wenig Betten. Das Risiko, kein Bett mehr zu bekommen, ist also ziemlich groß. Und bei einem so unberechenbaren Wetter wie heute, ist das gar nicht mal so geil. Gini opfert sich und ruft auf gut Glück in der Albergue an. Die meisten Herbergen reservieren ja generell keine Betten, aber dieses Mal klappt es. Fünf Betten sind safe, wir können uns entspannt auf den Weg machen und es ist vollkommen egal, wie lange wir heute bis nach Ponte Campana brauchen.

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Des Pilgers Langeweile

Auf schmalen Pfaden geht der Weg jetzt immer entlang der Landstraße weiter. Es gibt absolut nichts Interessantes zu sehen, außer uns sind keine anderen Pilger unterwegs, zu quatschen haben wir langsam auch nichts mehr und wir langweilen uns zu Tode. Da hilft nur noch Hirn ausschalten und Musik in die Ohren. Plötzlich wird dann auch noch der Regen wieder stärker und bis Palas de Rey kämpfen wir uns durch ein Sauwetter aus heftigem Wind und Regen, der gefühlt von allen Seiten kommt. Ich mache mir sofort wieder Sorgen um meine Schuhe, aber zum Glück lässt der Regen schnell wieder nach. Und das genau in dem Moment, indem ich mir sicher bin, dass das Wasser nun endgültig wieder durch die Schuhe durchkommt. Wie wir in Palas de Rey ankommen, ist meine Hose sogar schon wieder fast komplett trocken und triefende Socken habe ich auch nicht.

In Palas de Rey bleiben wir nicht lange. Die Stadt ist kein bisschen interessant und uns hält hier gar nichts. Aber es gibt wenigstens einen Supermarkt und wir holen uns eine Kleinigkeit zu essen. Danach nehme wir die letzten Kilometer bis Ponte Campana in Angriff. Der Weg schlängelt sich über schmale Waldwege von Dörfchen zu Dörfchen und ist ganz nett. Zu sehen gibt es aber immer noch nicht viel. Sandra rennt alleine voraus, Andi und Gini sind doch länger in Palas de Rey geblieben und deshalb gehen Dirk und ich mal wieder ein paar Kilometer alleine.

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Verwirrung auf dem Weg nach Ponte Campana

Laut unserem Reiseführer sind es von Palas de Rey bis Ponte Campana 4,4 km. Sandra hat heute früh irgendwas von 1,5 km geredet und wir sind zum zweiten Mal heute maximal verwirrt. Der Weg zieht sich wie schweizer Käse und gefühlt sollten wir schon längst da sein. Bei den Orten, durch die wir hindurch kommen, handelt es sich definitiv nicht um unser Ziel. Nach rund 30 Minuten stehen wir vor einer Herberge und ich bin felsenfest davon überzeugt, jetzt endlich da zu sein. Das Ortsschild sagt uns aber, dass wir in San Xulian sind. Jetzt verstehen wir gar nichts mehr und ich hab schon Angst, an Ponte Campana vorbeigelaufen zu sein.

Vor der Albergue in San Xulian treffen wir Sophia und Lorrain. Die beiden waren, genauso wie John, gemeinsam mit uns in der Albergue in Rabanal. Sophia ist Deutsche und trägt einen überdimensionalen Rucksack mit sich herum, indem sie offenbar ihren gesamten Haushalt verstaut hat. Lorrain ist eine süße kleine Kanadierin und mit ihren ca 60 Jahren eine der ältesten Pilger, die wir auf dieser Reise getroffen haben. Wie die beiden so vor der Albergue stehen, sehen sie mindestens genauso verloren aus wie wir. Sie wollen heute bis nach Casanova und wissen ebenfalls nicht mehr, ob sie richtig sind. Sicherheitshalber fragen sie in der Albergue nach und dort bestätigt man, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Und wir auch, denn Ponte Campana liegt genau zwischen San Xulian und Casanova. Auch mal wieder saublöd beschrieben im Pilgerführer.

Kurz bevor wir Ponte Campana erreichen müssten, geht es nochmal steil den Berg hinab. Weit und breit sind aber immer noch keine Häuser zu sehen und wir sind zum dritten Mal maximal verwirrt. Ist dieses scheiss Dorf unsichtbar oder was? Ich bin drauf und dran den Pilgerführer fluchend in den Bach zu werfen, da sehe ich eine kleine Brücke. Und an deren Ende steht ein rustikels Bauernhaus mit einer riesigen Jakobsmuschel an der Fassade. Das muss einfach die Albergue sein. Und das ist sie dann zum Glück auch.

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Sandra ist schon da, hat bereits eingecheckt, ihr Gepäck verstaut und sitzt mit einem Bier im Gemeinschaftsraum. Dirk und ich melden uns ebenfalls schnell an, sichern uns unsere Betten und weisen vorsorglich nochmals darauf hin, dass Andi und Gini auch noch kommen. Dann erkunde ich ein bisschen die Albergue. Das Haus ist wunderschön mit vielen liebevoll hergerichteten Details und einem hübschen Garten. Im Schlafsaal gibt es außerdem selbstgezimmerte Stockbetten, die sehr gemütlich aussehen. Die Nacht hier wird sicher gut. Vorausgesetzt die Gruppe Spanier von gestern verfolgt uns nicht bis hierher.

Nachdem wir unsere Rucksäcke ausgepackt haben und frisch geduscht sind, bekommt unsere Wäsche zur Abwechslung auch mal wieder eine richtige Luxusbehandlung: Waschen in der Waschmaschine und danach ab in den Trockner. Bei 13 Grad Außentemperatur würden wir die anders auch niemals über Nacht trocken bekommen. Nach getaner Arbeit schlurfen wir blitzeblank und zufrieden in unseren Jogginghosen in den Gemeinschaftsraum. Und wie wir uns noch fragen, wo Gini und Andi eigentlich bleiben, marschieren die beiden gegen 16:30 auch endlich ein. Das ist Jakobsweg-Timing.

Weil es draussen nach wie vor regnet und auch richtig kalt geworden ist, machen wir den restlichen Tag gar nichts mehr. Wir dösen eine Weile im Bett und setzen uns danach noch ein bisschen zu den anderen Pilgern in den den Gemeinschaftsraum. Gini und Andi haben sich für das Pilgermenü angemeldet, Dirk, Sandra und ich nicht. Irgendwie haben wir heute keinen großen Hunger. Gemeinsam teilen wir uns ein Bocadillo mit Bacon und Käse und verziehen uns dann recht früh ins Bett. Waren heute ja doch wieder etliche Kilometer. 25 um genau zu sein. Und bis Santiago sind es jetzt nur noch um die 60.


Lust auf noch mehr Berichte über meine Pilgerreise? Hier findet ihr alle bisher erschienenen Berichte und Tagebucheinträge übersichtlich zusammengefasst: Pilgern auf dem Jakobsweg


 

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