Camino Frances 2016 – Tag 16: Von Lavacolla nach Santiago (die letzten 10 km)

Sonntag, 18.09.2016 – Zieleinlauf

Seit meinem Start in León sind mittlerweile über zwei Wochen vergangen und und heute ist es endlich soweit: Die letzte Etappe liegt vor mir und irgendwann im Lauf des Tages werde ich in Santiago einmarschieren. Wie ich so im Morgengrauen halbwegs wach in meinem Stockbett liege und die Welt um mich herum noch friedlich schnarcht, lasse ich meinen bisherigen Weg ein wenig Revue passieren. Es war eine einzigartige Kombination aus Strapazen und Freundschaft, die mich bis hierher getragen hat. Und plötzlich sind es nur noch 10 Kilometer bis zum Ziel. Das fühlt sich komisch an. Irgendwie falsch. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich schon dazu bereit bin, heute in Santiago anzukommen.

Sandra und Dirk scheint es ähnlich zu gehen, denn an diesem Morgen macht keiner von uns wirklich Anstalten, aus dem Bett zu wollen. Das ist aber auch nicht weiter tragisch, denn eilig haben wir es heute ja sowieso nicht. Die Unterkunft in Santiago für Dirk und mich ist fest gebucht und Sandra will sowieso noch bis nach Finisterre weiter. Außerdem steht im Pilgerführer, dass die Aussicht vom Monte de Gozo hinab nach Santiago ganz phantastisch sein soll und gestern Abend haben wir beschlossen, dass wir uns die nicht entgehen lassen wollen. Angeblich soll man vom Monte de Gozo, der auch der Freudenberg genannt wird, die Kathedrale von Santiago zum ersten Mal sehen können. Es hätte also auch gar keinen Sinn gehabt, heute in aller Herrgottsfrühe im Dunkeln los zu marschieren.

Endlich aus dem Bett gekrochen, packe ich meinen Rucksack. Sehr viel langsamer als sonst in den letzten zwei Wochen und mit einer riesigen Portion Wehmut im Herzen. Schließlich ist es heute das letzte Mal, dass ich meinen Rucksack als Pilger packe. Mit der Ankunft in Santiago und mit der Abholung der Compostela gibt man seinen Status als Pilger ab und ist quasi wieder nur einer der vielen Touristentrottel, die sich durch Santiago schieben. Nach dem Packen verziehe ich mich auf die Terrasse der Alberque, vertrödele mir mit Zigaretten und TetraPack-Kakao noch ein wenig die Zeit und genieße die aufgehende Morgensonne. Gegen halb Acht mache ich mich schließlich gemeinsam mit Dirk und Sandra auf den Weg. Als die letzte richtige Pilgerunterkunft dieser Reise langsam am Horizont verschwindet, verdrücke ich heimlich ein, zwei Tränchen. Auf Santiago freue ich mich jetzt aber doch.

Auf dem Weg ist heute erfreulich wenig los. Es sind kaum andere Pilger unterwegs und wir kommen schnell voran. Landschaftlich gibt der Weg auf dieser Etappe aber auch nichts besonderes her. Eine gefühlte Ewigkeit führt er stur auf einer Landstraße entlang. Zwar sind kaum Autos unterwegs, aber das Gehen auf Asphalt finde ich nach wie vor noch immer zum kotzen. Und langweilig. Nach kaum einer Stunde liegt dann zum Glück aber schon der Monte de Gozo vor uns. Hier ist deutlich mehr los. Und das ist auch kein Wunder. San Marcos, das Örtchen zu dem der Monte de Gozo gehört, liegt quasi schon am Stadtrand von Santiago. Fast alle Pilger planen ihre letzte Übernachtung dort ein und starten von dort aus ihre letzten Kilometer bis nach Santiago.

Wie wir vor dem großen Pilgerdenkmal auf dem Gipfel des Monte de Gozo stehen, schnattern um uns herum schon wieder aufgeregt die verschiedensten Pilgergruppen. Die Aussicht auf Santiago ist von hier oben zwar ganz nett, aber bei Weitem weniger spektakulär, als der Pilgerführer versprochen hat. Die Kathedrale entdecken wir auch nicht. Und weil wir das Geplapper und Gewusel der anderen Pilger schnell leid sind, nehmen wir schon nach wenigen Minuten die letzten Kilometer in Angriff.

Bis nach Santiago geht es jetzt nur noch bergab und schneller als gedacht prangt vor uns plätzlich ein großes Schild: “SANTIAGO DE COMPOSTELA”… Das war es jetzt also. Wir sind angekommen.. Und ich fühle… Irgendwie nichts. Sollte ich nicht total glücklich sein? Euphorisch? Ergriffen? Ein bisschen weinen? Oder alles zusammen? Ich bin verwirrt. Das habe ich mir irgendwie anders vorgestellt. Aber noch stehe ich ja nicht vor der Kathedrale.

Ich schieße kurz ein Erinnerungsfoto vom Santiago-Schild und dann setzen wir unseren Weg in Richtung Innenstadt fort. Er zieht sich ewig durch Industrie- und Gewerbegebiete und schon nach wenigen Minuten ist mir hier alles zu schnell, zu modern, zu laut und zu voll. Am liebsten würde ich umdrehen und einfach wieder zurücklaufen. Zurück in die Ruhe der galizischen Berge. Auf den Gipfel des O Cebreiro, zum Camino Duro oder in die Weinberge vor Villafranca. Einfach irgendwohin, wo dieser wunderschöne Weg noch nicht zu Ende und Santiago noch viele Tage weit entfernt ist.

In Richtung Kathedrale wird die Stadt dann aber doch noch schöner. Ich fühle mich gleich ein bisschen wohler und bin besänftigt. Moderne Bauten weichen alten Häusern und die Gassen nehmen langsam einen mittelalterlichen Charakter an. Kurz vor der Kathedrale hallen aus der Ferne plötzlich Kanonenschüsse. Es wird Musik gespielt und eine bunte Prozession zieht an uns vorbei. Ich muss lachen. Man sagt, dass Santiago jedem Pilger exakt den Empfang bereitet, den er verdient hat.  Ich ziehe heute also mit Pauken und Trompeten auf den Kathedralenplatz ein. Ja, das hat was!

Und dann sind wir plötzlich wirklich da. Ich trete aus dem Torbogen auf den großen Platz, vor mir ragt die Kathedrale majestätisch in den strahlend blauen Himmel und jeder einzelne Sonnenstrahl scheint mir ein freundliches „Herzlich Willkommen“ entgegen zu glitzern. Ich bin sprachlos. Seit langem zum ersten Mal. Sandra und Dirk geht es genauso. Wir stehen vor der Kathedrale rum, wissen nicht so recht, was wir jetzt mit uns anfangen sollen und genießen den ersten kurzen Moment des Ankommens jeder still für sich alleine. Dann fällt die Anspannung plötzlich ab, wir realisieren, wo wir tatsächlich stehen und fallen uns in die Arme. Mit Tränen in den Augen lasse ich mich vor der Kathedrale auf den nackten Steinboden sinken. Stöcke weg, Rucksack runter, Beine ausstrecken und einen Moment lang einfach nur da sein. Völlig im Hier und Jetzt. 320 Kilometer Jakobsweg sind vorbei. Und ich habe es tatsächlich geschafft.

Nachdem wir einige Zeit so auf dem Kathedralenplatz gesessen sind, die ganze Szenerie auf uns haben wirken lassen und unsere Gefühle sortiert haben, melden sich die Hummeln im Hintern. Wir wollen zum Pilgerbüro. Jetzt wo wir in Santiago sind, möchten wir auch unsere Compostela endlich in den Händen halten. Und das bitte recht zügig, denn um 12 Uhr wollen Dirk und ich zur Pilgermesse. Und Sandra will ja eh direkt bis nach Finisterre weiter. Im Pilgerbüro angekommen bekommt unsere Euphorie erstmal einen Dämpfer: Die Schlange ist riesig und zieht sich einmal quer durch den gesamten Innenhof. Wie viele Pilger können bitteschön an einem einzigen Tag in Santiago ankommen? Und warum alle gleichzeitig und so früh schon?

Wir reihen uns am Ende der Schlange ein und warten schließlich sage und schreibe zweieinhalb Stunden, bis wir endlich dran sind. Jeder muss alleine vorgehen und ich erwische einen mürrischen Mitarbeiter, der heute scheinbar einen extraschlechten Tag hat. Er zieht die gesamte Prozedur kühl und bürokratisch durch: Bitte den Pilgerpass vorlegen… Wo war der Start der Reise?… Sind Sie wirklich alles zu Fuß gegangen?… Ein letzter Stempel, bitteschön hier ist ihre Urkunde und wenn sie wollen, können Sie da vorne noch eine Aufbewahrungsbox für 5.- Euro kaufen. Irgendwie habe ich mir das alles ein bisschen anders vorgestellt. Festlicher vielleicht. Keine Ahnung. Alles in allem war das sehr unbefriedigend. Aber die Compostela in der Hand fühlt sich super an und so ein kleines bisschen bin ich dann doch stolz, als ich an der – mittlerweile noch längeren – Schlange aus dem Pilgerbüro heraus marschiere.

Nach der Tortur mit der ewigen Warterei im Pilgerbüro brauchen wir erst einmal was zu trinken. Die Pilgermesse ist mittlerweile sowieso schon vorbei und sonst haben wir ja auch nix anderes zu tun. Schräg gegenüber dem Pilgerbüro finden wir ein kleines Café und setzen uns hinein. Während immer noch mehr Menschenmassen in Richtung Pilgerbüro ströhmen, nehmen wir unsere Urkunden genauer in Augenschein. Die Compostela in den Händen zu halten ist cool. Aber gleichzeitig auch weitaus weniger berauschend als ich gedacht habe. Letztendlich handelt es sich ja doch nur um ein Stück Papier mit lateinischem Gekritzel, welches vermutlich kaum einer wirklich lesen kann. Was den Jakobsweg ausmacht, trage ich längst im Herzen und keine Urkunde dieser Welt wird dem je gerecht werden können. Vielleicht sollte man das mal all den 100-Kilometer-Pilgern sagen, die einzig und allein nur wegen der Compostela unterwegs sind.

Während wir unsere Getränke genießen und Sandras nächste Etappen bis nach Finisterre bequatschen, steht auf einmal der geschwätzige “Wo is mei Wäschn?”-Bayer vor uns. Den haben wir seit Gonzar nicht mehr gesehen und wenn ich ehrlich bin, hätten ich gut und gerne auch weiterhin auf ihn verzichten können. Er macht aber keine Anstalten weiterzugehen, sondern setzt sich direkt zu uns und quasselt wieder mal munter drauf los. Er erzählt, dass er bereits gestern in Santaigo angekommen ist und morgen bis nach Finisterre weiterlaufen will. Sandra spitzt die Ohren und hat es urplötzlich ganz dringend, wieder loszukommen. Auf gar keinen Fall will sie ihn auf dem Weg nach Finisterre treffen und heute noch möglichst viel Abstand rauslaufen. Sie trinkt ihren Wein aus, wir verabschieden uns und sie macht sich alleine auf die letzte Etappe ihres Wegs. Dirk und ich sitzen noch ein bisschen mit dem Bayer in der Sonne, verabschieden uns dann aber auch schon bald und machen auf die Suche nach unserem Hotel.

Wie wir so durch Santiagos Gassen irren und das Tourismusbüro suchen, denke ich ein wenig an all die Menschen, die mir auf dem Weg bis Santiago begegnet sind: Gini und Andi, Gerd und René, Sophia und Lorraine, Elke und Manfred, John, der Sindelfinger und all die anderen… Ich frage mich, was die jetzt alle gerade wohl machen und wo ein jeder von Ihnen steckt. Und dann biegen wir um die Ecke und stehen plötzlich vor Gerd und René. Die sitzen, wie soll es auch anders sein, in einem Café. Vor sich jeder ein Bier und eine große Portion Pulpo a al Gallega, dem traditionellen Tintenfischgericht aus Galizien. Wir schauen uns ungläubig an und fallen uns quasi instant in die Arme. Einfach nur happy, dass wir uns vor der Abreise noch einmal wieder getroffen haben. Den restlichen Abend verbringen wir gemeinsam bei Bier, Sangria und noch mehr Pulpo und versprechen uns hoch und heilig, dass wir miteinander in Kontakt bleiben.

Aufgekratzt und trotzdem todmüde falle ich an diesem Abend in mein Hotelbett. Es ist komisch, in einem Raum mit nur einem Bett zu schlafen und keine anderen Pilger um sich zu haben. Ausser Dirk halt. Das Geschnatter und Geschnarche, dass sonst tierisch genervt hat, fehlt heute plötzlich sehr und Dirks Schnarchen alleine reicht irgendwie auch nicht aus. Meinen Rucksack stelle ich aus Gewohnheit abmarschfertig neben das Bett. Noch ist es nicht wirklich in meinem Kopf angekommen, dass mein Weg hier tatsächlich zu Ende ist. Wobei zu Ende ist er ja noch nicht ganz. Morgen steht Sightseeing in Santiago auf dem Plan und übermorgen geht es noch nach Finisterre. Aber das Ganze eben leider nur noch als Tourist und nicht mehr als Pilger.


Lust auf noch mehr Berichte über meine Pilgerreise? Hier findest du alle bisher erschienenen Berichte und Tagebucheinträge übersichtlich zusammengefasst: Pilgern auf dem Jakobsweg


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2 Kommentare

  1. Danke, dass Du den letzten Teil der Reise auch noch verbloggt hast. War schon ganz gespannt, wie es zu Ende geht.

    1. Author

      Noch ist es nicht ganz zu Ende. Der Teil mit Finisterre kommt noch. So richtig war es nämlich erst zu Ende, als wir am 0-Kilometer-Stein angekommen sind und auf den Klippen von Finisterre den Sonnenuntergang angeschaut haben :)

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