Camino Frances 2016 – Tag 7: Von Camponaraya nach Villafranca del Bierzo

Freitag, 09.09.2016 – Buen Camino am Arsch

Nach der weinseligen Geburtstagsfeier gestern Abend stehen wir heute zum ersten Mal auf richtig spät auf. Es ist schon nach 8 Uhr als wir langsam nacheinander aufwachen. Die Sonne strahlt bereits vom blauen Himmel und eigentlich könnten wir uns auf einen schönen Pilgertag freuen. Bei dem ein oder anderen von uns dröhnt der Kopf allerdings noch ganz schön. Mich eingeschlossen. Die Erinnung an gestern Abend und ganz besonders auch daran, wie ich eigentlich ins Bett gekommen bin, ist ziemlich verschwommen. Einen kurzen Moment lang habe ich schon Panik, dass ich mein Handy und meine Brille verloren habe. Zum Glück findet sich beides recht schnell irgendwo im Gewühl meines Schlafsacks wieder und ich schwöre mir, künftig besser aufzupassen, wie viel Weißwein ich erwische.

Als ich aufstehe und mich auf den morgendlichen Schmerz an meinem Fußballen gefasst mache, merke ich, dass es meinen Füßen heute deutlich besser geht. Meine Blase tut kaum mehr weh und das langsame „Anschlurfen“, welches mich die letzten Tage so sehr genervt hat, bleibt mir heute zum ersten Mal komplett erspart. Ich freue mich, die Laune steigt und langsam bekomme ich richtig Lust, die heutige Etappe in Angriff zu nehmen. Zumal die auch nicht wirklich lang wird.

Wir wollen heute nur bis ins ca. 15 Kilometer entfernte Villafranca del Bierzo. Hinter Villafranca beginnt nämlich der gefürchtete Camino Duro. Und auf dieser Etappe, frei übersetzt der „schwere Weg“, gehtes rund 13 Kilometer über einen ziemlich heftigen Berg. Wir sind uns alle einig, dass wir das heute auf keinen Fall schaffen. Nicht nach dem gestrigen Weingelage. Von Gerd und René ist an diesem Morgen weit und breit noch gar nichts zu sehen ist und so beschließen Gini, Andi, Dirk, Sandra und ich, die beiden ihren Rausch ausschlafen zu lassen und nur zu fünft in den Tag zu starten. Man wird sich mit Sicherheit irgendwo auf dem Weg schon wiedersehen.

Weinberge so weit das Auge reicht

Die kurze Etappe bis nach Villafranca ist dann auch sehr schön und angenehm zu gehen. Der Weg führt zum größten Teil flach durch Weinberge, an denen die Trauben dick und prall von den Rebstöcken hängen. Sandra macht wieder ordentlich Tempo, spurtet gemeinsam mit Andi davon und setzt sich einmal mehr an die Spitze. Dirk und ich halten unser gemütliches Tempo und bilden die Mitte, während Gini zurückfällt und alleine hinter uns herläuft. Schneller als gedacht liegt Villafranca dann auch schon vor uns. Zumindest das Ortsschild, denn der Weg bis zum eigentlichen Ortseingang zieht sich noch eine gefühlte Ewigkeit.

Als Dirk und ich in Villafranca einmarschieren werden wir schon von Sandra und Andi begrüsst. Die beiden sitzen auf den Steinstufen einer Kirche im Schatten und haben auf uns gewartet. Wir setzen uns dazu und warten alle gemeinsam weiter auf Gini. Danach wollen wir uns auf die Suche nach einer Herberge machen. Villafranca ist ziemlich groß und Unterkünfte gibt es reichlich. Außerdem ist es noch früh und ausser uns sind noch nicht viele Pilger in Villafranca angekommen. Wir haben also noch jede Menge Zeit. Und während wir darauf warten, dass Gini am Horizont auftaucht, mache ich mich im Pilgerführer ein wenig über Villafranca schlau.

Die Stadt ist eines der Highlights auf dem Jakobsweg und unter anderem auch als „das kleine Santiago“ bekannt. Das liegt daran, weil sich in Villafranca die die Kirche „Iglesia de Santiago“, bzw. deren Gnadenpforte „Puerte del Perdon“ befindet. Pilger, die zu krank oder zu schwach sind, um Ihre Reise bis nach Santiago fortzusetzen, können in dieser Kirche eine Gnaden-Compostela erhalten. Damit bekommen sie ihre Sünden erlassen, selbst wenn sie nicht komplett bis nach Santiago gepilgert sind.

Herbergssuche und nervende Mitpilger

Den vorzeitigen Sündenerlass haben wir zum Glück nicht nötig und während ich mich noch über diese Tatsache freue, marschiert Gini schließlich auch endlich daher. Gemeinsam gehen wir auf Herbergssuche und versuchen es zuerst bei der öffentliche Gemeindeherberge. Leider haben es zwischenzeitlich doch noch viele weitere Pilger nach Villafranca geschafft und vor dem Eingang herrscht bereits ordentlich Trubel. In der Menge sticht mir sofort die redselige Australierin von El Acebo ins Auge. Auf ihre aufgedrehte Art haben wir heute absolut keine Lust und so machen wir uns lieber auf die Suche nach einer ruhigeren Unterkunft. Am Ende landen wir in der Albergue Leo. Auf Tripadviser hat diese Herberge wahnsinnig viele gute Bewertung und außerdem war sie sowieso von Anfang an unser Favorit gewesen. Sie ist zwar schon ziemlich ausgebucht, aber wir haben Glück und bekommen die letzten fünf freien Betten.

Stairway to Heaven

Dank der kurzen Tagesetappe sind wir nach dem obligatorischen Duschen und Wäsche waschen weitaus weniger kaputt, als in den letzten Tagen. Voller Tatendrang beschließen wir deshalb, die Stadt noch ein wenig zu erkunden. Gegessen haben wir seit unserem Aufbruch in Camponaraya außerdem auch noch nichts und wir haben alle ordentlich Hunger. Als erstes Ziel steuern wir daher den Marktplatz von Villafranca an. Eine nicht enden wollende Treppe führt steil hinauf. Grad so, als würde sie direkt in den Himmel führen. Bereits nach der Hälfte röcheln wir, als wären wir einen Marathon gelaufen. Aus einem Hauseingang ruft uns auch noch ein Spanier fröhlich „Buen Camino“ entgegen und lacht uns aus. Ja ja… „Buen Camino am Arsch

Oben auf dem Marktplatz angekommen, steuern wir einen der wenigen freien Tische in den gut besuchten Cafés an. Bei Sandwiches, Bier und Croquetas genießen wir die Sonne und sind Gott froh, heute nicht mehr den Camino Duro in Angriff genommen zu haben. Es ist nämlich mittlerweile wieder einmal ganz schön heiss geworden. Als wir unser Essen und die Getränke schließlich bezahlen wollten, verbummelt der Kellner unseren Rechnungsbetrag. Zum Glück zu unsren Gunsten. Am Ende bekommen wir beinahe 10.- Euro mehr zurück, als wir eigentlich überhaupt hätten zahlen müssen. Das Gelächter ist groß und langsam kristallisiert sich heraus, dass die Zeit, die wir gemeinsam mit Gini und Andi verbringen, zu den absoluten Highlights unseres Camino zählt.

Städtebummeln und Ausruhen am Badestrand

Nach dem Essen bummeln wir weiter durch die Stadt, kehren noch kurz in einem Supermarkt ein und landen schließlich an einem wunderschönen Badestrand. Dort legen wir eine Rast ein und geniessen noch ein wenig die Sonne, bevor wir uns wieder in Richtung unserer Unterkunft aufmachen. Vor dem Abendessen wollen wir uns alle noch ein bisschen ausruhen und verziehen uns für ein Nickerchen in unsere Betten. Mein Nickerchen ufert dabei leider etwas aus. Als die anderen gegen 17 Uhr wieder aufstehen, fühle ich mich plötzlich so kaputt und müde, dass ich nicht einmal ansatzweise in der Lage bin, mich nochmals aufzuraffen. Ich lasse die anderen daher alleine losziehen und bleibe einfach im Bett.

Camino Duro oder nicht Camino Duro?

Als ich so alleine und ohne Ablenkung auf meinem Schlafsack liege, wandern meine Gedanken  zur nächsten anstehende Etappe und ich lese mir noch ein paar Berichte über den Camino Duro durch. Noch bin ich mir nicht sicher, ob ich mir diese Variante des Wegs morgen wirklich antun soll oder nicht doch lieber die Strecke im Tal entlang der Autobahn nehme. Die anderen wollen alle über den Berg und nicht untem rum. Ich will eigentlich nicht unbedingt 13 Kilometer den Berg hoch, aber alleine unten rum will ich auch nicht so recht. Während ich mir noch das Hirn zerbreche, fallen mir schließlich die Augen zu und ich schlafe so tief ein, dass ich nicht einmal mehr mitbekomme, als die anderen wieder zurück kommen. Ob ich den Camino Duro wirklich gehe oder doch lieber die leichte Tour im Tal nehme, kann ich auch morgen früh spontan entscheiden.


Lust auf noch mehr Berichte über meine Pilgerreise? Hier findet ihr alle bisher erschienenen Berichte und Tagebucheinträge übersichtlich zusammengefasst: Pilgern auf dem Jakobsweg

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Monica Albrecht

Food- & Lifestyleblogger mit Leidenschaft für Minimalismus, Achtsamkeit und Umweltschutz.

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2 Antworten

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