Camino Frances 2016 – Tag 5: Von Rabanal nach El Acebo (18 km)

Mittwoch, 07.09.2017 – Luxuspilger vs. Buspilger vs. wir

Die Nacht in Rabanal war unruhig und deshalb steige ich heute gegen 05:30 Uhr ziemlich unausgeschlafen und unmotiviert aus dem Bett. Die meisten der anderen Pilger schlafen noch und so müssen wir uns das erste Mal im Dunkel fertig machen und unsere Sieben Sachen nur mit Hilfe einer kleinen Taschenlampe zusammenpacken. Ich bekomme ein bisschen Panik, dass ich irgendwas im Schlafsaal vergessen könnte und prüfe deshalb zwei Mal mehr als nötig, ob ich auch wirklich alles eingepackt habe.

Mein Trödeln hat aber auch noch einen anderen Grund: Die heutige Etappe wird definitiv kein Zuckerschlecken. Zwar haben wir uns mit dem Weg nach El Acebo nur eine vergleichsweise kurze Strecke von rund 18 Kilometern vorgenommen, aber dafür müssen wir heute das erste Mal richtig Höhenmeter machen. Es geht nämlich hinauf zum Cruz de Ferro, den mit 1500 Metern höchsten Punkt des Camino Frances. Und dank meiner Blase am Fußballen humpele ich mehr, als dass ich vernünftig gehen kann.

Draussen herrscht noch finstere Nacht als wir Rabanal verlassen. Nur mit dem Licht unserer Stirnlampen geht es Schritt für Schritt vorwärts. Und dabei immer schön bergauf. Rund anderthalb Stunden stapfen wir so durch die Nacht und trotz meiner Schmerzen beim Gehen empfinde ich den Weg als total angenehm. Hier im Dunkeln gibt es nur mich, den Lichtkegel meiner Stirnlampe und den nächsten Schritt. Es ist herrlich, fast schon meditativ. Und auch wenn ich von der Landschaft leider nicht sehr viel sehe, kann ich auf diesem Stück des Weges richtig toll abschalten.

Als es zu dämmern beginnt, taucht vor uns im Nebel auch schon Foncebadón auf. Ein zum Großteil verfallener Ort, der lange Zeit komplett unbewohnt war. Mittlerweile gibt es in Foncebadón, vor allem wegen des Pilgerbooms der letzten Jahre, wieder ein paar wenige feste Einwohner. Außerdem eine Pilgerherberge und ein kleines Café. Weil wir vor dem Abmarsch in Rabanal mal wieder nicht gefrühstückt haben, machen wir in dem Café halt, holen uns einen Café con Leche und ein paar abgepackte Küchlein und setzen uns auf die Terrasse. Die Aussicht von hier oben ist atemberaubend. Über der Landschaft liegt Nebel, der sich langsam verzieht und auf der Dorfstraße tummelt sich eine Herde Ziegen.

Während wir frühstücken, bekommen wir Gesellschaft von einem Pilger aus Sindelfingen, der in der Pension über dem Café übernachtet hat. Er sagt über sich selbst, dass er einer dieser Luxuspilger ist und erzählt, dass er absolut keine Lust auf die normalen Pilgerunterkünfte hat. Deshalb steigt er immer in Hotels oder Pensionen ab. Für uns ist das ok – soll jeder machen wie er mag. Andere Pilger stehen diesen Luxuspilgern dagegen ziemlich kritisch gegenüber und so freut sich der Sindelfinger, dass er endlich mal jemand getroffen hat, der ihn nicht anfeindet. Im Gespräch stellt sich schließlich heraus, dass er sogar Leute aus unserer Heimatstadt kennt. Die Welt ist herrlich klein – selbst auf dem Jakobsweg.

Nachdem wir unseren Kaffee getrunken und unsere Küchlein erfolgreich vor den Ziegen in Sicherheit gebracht haben, verabschieden wir uns vom Sindelfinger und nehmen den Aufstieg zum Cruz de Ferro in Angriff. Der Weg an sich ist schön und hätte absolut herrlich sein können – wäre nicht kurz vor dem Cruz de Ferro eine ganze Ladung Buspilger abgesetzt worden. Mit leichten Turnschuhen und kleinen Tagesrucksäcken schwirren sie um uns herum, stehen alle paar Meter im Weg und schnattern was das Zeug hält. Ich wünsche mir die Ruhe von dem ersten Abschnitt der heutigen Etappe zurück und bin schon nach wenigen Minuten maximal genervt. Luxuspilger die Massenunterkünfte meiden – ok. Aber Menschen, die sich die einzelnen Etappen mit dem Bus chauffieren lassen und danach auch noch den anderen Pilgern auf den Sack gehen, sind bei mir ab sofort unten durch.

Am Cruz de Ferro angekommen halten wir uns erst einmal im Hintergrund und warten, bis die Schar Buspilger weitergezogen ist. Das Cruz de Ferro ist ein wichtiger Meilenstein auf dem Jakobsweg und wir wollen uns diesen Moment unter keinen Umständen von schnatternden Rentnern versauen lassen. Als die Meute endlich abgezogen ist, legen wir jeder einen Stein am Kreuz ab. Den haben wir, gemäß dem Brauch, bereits von zu Hause mitgebracht. Er soll Symbol für die Sünden sein, die wir auf dem Weg hinter uns gelassen haben.

Nach ein paar besinnlichen Minuten am Kreuz taucht schließlich der Sindelfinger wieder auf. Er versucht uns in ein Gespräch zu verwickeln, aber wir haben keine große Lust darauf und beschließen, dass es an der Zeit ist weiterzuziehen. Der Weg führt jetzt wieder stetig bergab und wir wandern auf schmalen, steinigen Feldwegen in Richtung El Acebo weiter. Meine Blase am Fuß tut inzwischen fürchterlich weh und ich komme nur noch extrem langsam vorwärts. Bei jeder Rast muss ich meine Stiefel ausziehen und die Blase neu verarzten. Gehen ist jetzt nur noch im Schneckentempo möglich und weil ich Dirk und Sandra nicht unnötig aufhalten will, lasse ich die beiden vorgehen und humpele den steinigen Weg alleine hinunter.

Auf halber Strecke treffe ich die beiden schließlich wieder. Sie liegen gemeinsam mit Ginni und Andi am Wegesrand auf einer Wiese und machen Rast. Ich setze mich ein paar Minuten dazu, bevor wir dann alle gemeinsam den Abstieg nach El Acebo in Angriff nehmen. Die ersten Häuser des Orts sind bereits von weitem zu sehen und ich bin begeistert. Ein Bergdörfchen wie aus dem Bilderbuch. Das Ziel vor Augen beiße ich die Zähne nochmals richtig zusammen, ignoriere meine Schmerzen und schließlich kommen wir gut gelaunt an unserer heutigen Unterkunft, der Albergue La Casa del Peregrino, an. Kurz verabschieden wir uns noch von Ginni und Andi, die heute noch bis Molinaseca weiter wollen und dann geht es schnurstracks zur Anmeldung.

Im Gegensatz zu unseren bisherigen Unterkünften ist die Albergue ein wahrer Luxustempel. Modern, stylisch, mit atemberaubender Aussicht und es gibt sogar einen Pool. Wir bekommen drei Betten in einem Achterzimmer zugewiesen, werfen unsere Rucksäcke in die Ecke, gehen kurz Duschen und machen uns danach direkt auf den Weg zum Pool. Badesachen haben wir zwar nicht dabei, aber es plantscht sich auch in Unterwäsche ganz hervorragend. Macht hier gefühlt jeder und da ist es uns dann auch recht egal.

Nach dem Baden besorgen wir uns an der Poolbar zwei Flaschen Weißwein, werfen uns in die Sonne, taufen „El Acebo“ in „El Arenal“ um und genießen einen herrlich entspannten Nachmittag. Sandra versucht zwischendurch Freundschaft mit einer deutschen Pilgerin zu schließen, aber weil diese wenig bis gar keinen Redebedarf hat, widmet sich Sandra schnell wieder ihrem Wein. Und anschließend einem ausgiebigen Nickerchen. Genau wie Dirk und ich.

Am Abend, nachdem der Weißweinschwips vom Nachmittag ein wenig ausgeschlafen ist, stehen wir vor der Entscheidung, ob wir uns mal wieder ein Pilgermenü gönnen sollen. Weil das aber im Hotelrestaurant serviert wird, entscheiden wir uns dagegen. Auf die Restaurantatmosphäre des Hotels haben wir mal so überhaupt keine Lust. Statt dessen setzen wir uns ins kleine Bistro mit Außenterrasse und genießen bei wunderschönem Sonnenuntergang frische Pasta mit Kirschtomaten und Shrimps.

Nach dem Essen gesellt sich dann noch ein kleiner Trupp Pilger zu uns auf die Terrasse. Eine Australierin mit wunderschönen Mandala-Tattoos und ziemlich losem Mundwerk lädt uns dazu ein, uns noch ein Weilchen dazu zu setzen. Wir sind aber so müde, dass wir dankend ablehnen und uns auf den Weg zu unserem Zimmer machen. Dort haben wir mittlerweile Gesellschaft bekommen. Eine Pilgerin nebst ihrem Hund. Gerne hätte ich mich noch ein bisschen mit dem süßen Hund beschäftigt, aber kaum liege ich im Bett, fallen mir auch fast augenblicklich die Augen zu. Und während draußen langsam die Nacht heraufzieht, schlummere ich schon selig, tief und fest.


Lust auf noch mehr Berichte über meine Pilgerreise? Hier findet ihr alle bisher erschienenen Berichte und Tagebucheinträge übersichtlich zusammengefasst: Pilgern auf dem Jakobsweg

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