Camino Frances 2016 – Tag 14: Von Ponte Campana nach Arzua (25 km)

Freitag, 16.09.2016 – Santiago ruft schon

Im Gegensatz zu gestern bin ich heute morgen wunderbar fit und ausgeschlafen. Die Nacht in Ponte Campana war herrlich. Die Betten superbequem, der Schlafsaal ruhig und weit und breit keine nervenden Spanier wie gestern in Gonzar. Beinahe 10 Stunden habe ich am Stück durchgeschlafen und als Sandras Wecker um 6 Uhr klingelt, springe ich tatsächlich mal wieder putzmunter und fröhlich aus dem Bett. So ausgeruht war ich schon lange nicht mehr. Weil die anderen Pilger aber alle noch tief und fest schlummern, packe ich meinen Rucksack so leise wie möglich und schleiche mich aus dem Schlafsaal. Sandra und Dirk schlurfen kurz darauf hinterher. Gini und Andi sind zwar auch schon wach, wollen aber lieber noch etwas liegen bleiben und versprechen hoch und heilig, dass Sie uns im Lauf des Tages nachkommen.

Automatenkaffee und Pseudopilger

Als wir den Schlafsaal verlassen, liegt der Garten der Albergue still und einsam im Dunkeln. Kühl ist es heute früh und ziemlich windig. Aber immerhin regnet es nicht. Wir schlendern quer durch den Garten zum Haupthaus der Albergue, aber die ist noch geschlossen. Sieht ganz so aus, als müssten wir wieder einmal ohne Kaffee in den Tag starten. Zum Glück entdecken wir auf der Terrasse einen Kaffeeautomaten. Er ist alt und ziemlich versifft, aber er beginnt zu rattern, als ich ihn mit ein paar Münzen füttern. Die Brühe, die aus dem Automaten tröpfelt, ist zwar kaum als Kaffee zu bezeichnen, aber ich will ja nicht meckern. Immerhin ein wenig Koffein in den Adern. Auf dem Jakobsweg lernt man, mit dem zufrieden zu sein, was man bekommt.

Mit der dürren Kaffeebrühe im Bauch lassen wir die Albergue von Ponte Campana hinter uns und wandern über Casanova eine weile bergauf und dann weiter durch eine wirklich hübsche, hügelige Landschaft. Wir kommen gut voran. Das Wetter ist zum Wandern ideal und wirklich angenehm. Weniger angenehm ist dagegen die Tatsache, dass der Weg langsam aber sicher richtig voll wird. Immer öfter treffen wir auf Reisegruppen von Pilgern mit winzigen bis gar keinen Rucksäcken und leichten Sportschuhen. Die sind zum Großteil nicht auf die Pilgererfahrung aus, sondern wollen einfach nur die 100 Kilometer hinter sich bringen, die man braucht, um in Santiago die Compostela zu bekommen. Zum Angeben daheim. Außerdem sind mittlerweile viele Radpilger unterwegs. Sie zischen links und rechts unverschämt rücksichtslos an uns vorbei und ich muß ständig zur Seite springen, um nicht über den Haufen gefahren zu werden. Den Pilgergruß „Buen Camino“ hört man auch immer seltener und dieser ganz besondere Flair, der uns die letzten 250 km begleitet hat, scheint sich mit jedem Kilometer in Richtung Santiago mehr zu verlieren. Das macht mich ganz schön sauer und schlägt auf meine Laune.

Mittagspause mit alten Pilgerfreunden

Wie wir so mit steigendem Frust durch die Gegend wandern und uns furchtbar über die Mitpilger aufregen, landen wir gegen Mittag kurz vor Melide an einem kleinen Café. Unter einem versifften Zeltdach an einem ziemlich abgerockten Plastiktisch sitzen Sophia und Lorrain. Was bin ich froh, endlich wieder bekannte Gesichter zu sehen. Richtige Pilger – keine von diesen compostelageilen Kurzstreckenwanderer. Wir organisieren uns ein paar Stühle, setzen uns zu den beiden dazu und wie wir so ein wenig über die letzten Tage quatschen, beschließen wir, doch für eine längere Pause zu bleiben. Schließlich sind wir heute schon ein gutes Stück voran gekommen. Beim Kellner bestellen wir panierte Calamaris, Croquettas und Wein und lassen es uns mal wieder richtig gut gehen.

Kaum fertig gegessen, fängt es an zu regnen. Also eigentlich setzt nur ein leichter Nieselregen ein. Nix Wildes, aber sämtliche Gäste des Cafés verfallen augenblicklich in Panik. Sie drängen sich unter dem winzigen Vordach des Cafés zusammen. Eine dampfende, schnatternde Traube aus Menschen, Rucksäcken und Wanderstöcken. Hektisch kramt das Gewusel nach Regenjacken, Ponchos und Rucksacküberzügen. Und wir? Wir können uns das lachen kaum verkneifen. Regentechnisch haben wir die letzten Tage ganz andere Kaliber erlebt. In aller Seelenruhe ziehen wir uns an und machen uns zum weiterpilgern fertig. War uns sowieso zu laut, zu hektisch und zu touristisch hier.

Gerade als wir gehen wollen, sehen wir Andi den Berg herunter auf uns zukommen. Der hatte eigentlich vor, in dem Café auf Gini zu warten, weil die heute mal wieder ziemlich langsam unterwegs ist. Wegen der allgemeinen Hektik entschließt er sich aber schnell dazu, Gini noch ein bisschen allein wandern zu lassen und gemeinsam mit uns weiter zu gehen. Auf dieses Touristencafe hat er nämlich auch keine Lust. Nach einer kurzen Nachricht auf Ginis Mailbox machen wir uns schließlich zu viert wieder auf den Weg.

Arschlochberge & strategisch gut gelegene Bars

Eine Weile wandern wir immer bergab und Sandra setzt sich mit Andi mal wieder ab. Die beiden haben sich in Punkto Schritttempo echt gefunden und spurten nur so in Richtung Santiago. Da komm ich echt nicht mit. Und eigentlich habe ich auch keine Lust auf diese Rennerei. Die Landschaft hier ist wunderschön und ich will auch mal bisschen was von der Gegend sehen.

Nach einigen Kilometern gemütlichem Spazieren liegt plötzlich ein echt wiederlichen Berg vor mir. Er ist nicht annährend so steil wie der Aufstieg beim Camino Duro oder nach O Cebreiro, aber er zieht sich wie Käse. Zum Glück verspricht der Pilgerführer oben angekommen eine „strategisch gut gelegene Bar”. Das gibt eine große Portion Motivation für das letzte Stück und ich schiebe mich Meter um Meter den Berg hoch. Vorbei an Rentnergruppen, die am Wegesrand nach Luft japsen und sich müde auf ihre Wanderstöcke stützen.

Oben ankommen – Dirk hat es natürlich mal wieder vor mir geschafft – hält der Pilgerführer, was er verspricht. Es gibt tatsächlich eine Bar.  Sandra und Andi sind schon eine ganze Weile da und sitzen beide vor einem Glas Bier. Andi ist recht entspannt und sieht ziemlich zufrieden aus. Sandra dagegen ist auf 180, verflucht die ganze Welt und schimpft wie ein Rohrspatz. Ich habe keinen blassen Schimmer, warum gerade ihr der Berg so schwer gefallen ist. Normalerweise bin ja eher ich es, die bei der kleinsten Kleinigkeit zu Jammern anfängt. Sandra meint aber, der Berg hätte sie heute so dermassen wütend gemacht, dass sie ihre Stöcke und ihren Rucksack in die Wiese geworfen hat, einen Heulkrampf bekommen hat und nicht mehr weitergehen wollte. Tja, an den Punkt kommt halt jeder irgendwann mal. Selbst an den komischsten Orten und manchmal auch ohne erkennbaren Grund.

Während Andi, Dirk und ich noch dabei sind, Sandra auszulachen und mit ihrer Schimpferei aufziehen, sehen wir von weitem John auf die Bar zuschlendern. Der große, schlacksige Engländer ist aber euch einfach unverwechselbar. Er freut sich sichtlich, uns zu sehen und setzt sich auf einen kurzen Schwatz zu uns an den Tisch. Wir plaudern ein wenig über die letzten Tage und er bedankt sich nochmal überschwänglich für die Taschenlampe, die wir ihm vor ein paar Tagen in Portomarin geschenkt haben. Dann will er aber auch schon wieder weiter. Er meint, er könne Santiago schon spüren und ich glaube, er ist echt heiß darauf, endlich anzukommen.

Next Stop: Arzua

Nachdem John weitergezogen ist, schnappen wir uns die Pilgerführer und überlegen, bis wohin wir heute eigentlich weiterlaufen sollen. Gestern Abend stand Arzua als heutiges Tagesziel im Raum. Rein von der Strecke wäre das absolut noch drin. Andi und Gini möchten heute mal wieder gerne ein Doppelzimmer und so telefonieren wir kurzerhand sämtliche Pilgerhergen in Arzua ab. Ein Doppelzimmer gibt es leider nirgends. Dafür finden wir eine kleine, schnuckelige Herberge mit 20 Betten, verteilt auf 5 Zimmern. Das klingt ganz gut und wir reservieren uns direkt fünf Betten. Besser als eine Massenunterkunft inmitten der ganzen 100-Kilometer-Pilger. Und auch nur noch rund zwei Stunden Marsch entfernt.

Als Dirk und ich unsere Getränke leer haben und die Unterkunft in Arzua safe ist, kommt Gini auch endlich mal in der Bar an. Weil Sandras Bier noch halb voll ist, Gini sich erst einmal von dem Arschlochberg ausruhen muss und Andi auch lieber noch ein bisschen sitzen bleiben will, machen Dirk und ich uns alleine auf die Socken. Fühlt sich komisch an, mal allen voran zu gehen. Sonst bilden wir ja eher die Nachhut. Ich bin mir aber sicher, Sandra und Andi holen uns in den nächsten zwei Stunden noch irgendwo ein.

Der Weg bis nach Arzua verläuft zunächst gut. Die Landschaft ist schön, wir kommen schnell vorwärts, die Sonne scheint mittlerweile wieder und meine Laune ist super. Gegen Ende nervt der Weg dann aber doch. Er zieht sich endlos stupide an einer Hauptstraße entlang durch die Vororte von Arzua. Die glänzen leider auch nicht unbedingt mit Schönheit und sind sterbenslangweilig. Endlich in Arzua angekommen, stellt sich dann auch noch heraus, dass unsere Herberge ganz am anderen Ende der Stadt liegt. Wir müssen noch weitere 2,5 km durch den langezogenen Ort latschen. Der im übrigen auch nicht gerade superschön ist.

Dusch-Luxus overload

Punktgenau zwei Stunden nach unserer telefonischen Reservierung kommen Dirk und ich schließlich an der Herberge an. Sie liegt ruhig und versteckt in einer Seitengasse und wir sind tatsächlich die Ersten. Weder von Sandra, noch von Andi und Gini ist bisher etwas zu sehen. Dirk und ich checken ein, melden die anderen drei gleich mit an und bekommen ein schönes, geräumiges 6-Bett-Zimmer unterm Dach mit eigenem Badezimmer zugewiesen. Außer uns schläft noch eine andere Pilgerin im Zimmer, aber ansonsten haben wir das Zimmer für uns. So muss das. Ich bin ganz aus dem Häusschen, kapere direkt mal das Badezimmer und schließe mich zu einer sehr ausgiebigen Dusche ein. Inklusive Rasieren und Haarkur. Den Luxus eines eigenen Badezimmers muss man schließlich ausnutzen. Vor allem, wenn man sich nicht beeilen muss.

Gerade als ich mich blitzeblank in frische Klamotten schmeisse, trudelt Sandra in der Herberge ein. Und trudeln ist hier nicht übertrieben. Die Arme kriecht die Treppe zu unserem Zimmer hoch, sieht dabei aus wie ein wandelndes Gespenst und jammert irgendwas von frittierten Calamari und schrecklichen Magenkrämpfen. Ich sehe sie vor meinem geistigen Auge schon zusammenklappen und mache mich darauf gefasst, sie gleich auffangen zu müssen. Statt dessen wirft sie sich auf das Sofa, rollt sie sich wie ein Kätzchen zusammen und schläft augenblicklich ein. Ich klettere auf mein Stockbett, lege mich ebenfalls hin und schlafe so tief ein, dass ich es nicht einmal mitbekomme, als Andi und Gini in der Herberge ankommen.

Als ich langsam wieder von den Toten auferstehe ist es beinahe 19 Uhr. Die anderen sind schon wieder halbwegs fit und drängeln darauf, essen zu gehen. Bis auf Sandra. Der ist immer noch schlecht. Sie behauptet steif und fest, das wären die Calamari von Mittags gewesen. Aber die hab ich auch gegegessen, mir gehts prima und mein Magen knurrt mittlerweile schon wieder ziemlich. Ich schäle mich aus dem gemütlichen Bett und wir machen uns alle gemeinsam auf den Weg ins Stadtzentrum. Aus gastronomischer Sicht gibt das leider erstaunlich wenig her. Es gibt ein paar Bars und Kneipen, aber richtige Restaurants sind nicht wirklich zu finden. Erst recht keine, in denen man gute Pilgermenüs bekommt.

Back to the 90ies

Wir landen schließlich in einer abgeranzten Bar, in der aus einem Fernseher im Eck lautstark 90er-Jahre-Techno dudelt. Die nicht mehr ganz so junge Bedienung trägt ein hautenges blaues Minikleid und sieht aus, als würde sie direkt von der Nachtschicht aus einem Bordell kommen. Wir bestellen uns Pizza, Bier und Fanta und als das Essen endlich kommt, sind wir uns ziemlich sicher, dass wir hier waschechte Tiefkühlpizzen vor uns haben. Davon abgesehen, dass wir ganze 8.- Euro für eine Pizza berappen müssen, sind sie aber nicht schlecht. Und am Ende relativiert sich sowieso alles wieder, denn auf unserer Rechnung fehlen zwei Bier und ein Fanta. Wir zahlen schnell und verlassen die merkwürdige Bar, bevor die komische Bedienung ihren Fehler bemerkt.

Zurück in die Albergue zieht es uns heute noch nicht. Morgen steht tatsächlich schon die vorletzte Etappe unserer Reise an und wir haben alle das dringende Bedürfnis, noch so viele Eindrücke wie möglich aufzusaugen und jede einzelne Minute auszukosten. Wir landen schließlich auf einen Absacker in einer kleine Bar gegenüber unserer Herberge. Pilger sind hier weit und breit nicht zu sehen. Dafür jede Menge Einheimische, die ihren Feierabend und den Start ins Wochenende genießen. Vor der Bar grillt ein älterer Herr frischen Fisch und die Bedienung versorgt uns nicht nur mit Bier und Wein sondern schleppt alle paar Minuten gratis Bacon-Brote und frittierte Calamari an.

Große Wehmut

Mit jedem weiteren Glas werden wir ein bisschen wehmütiger, denn uns ist allen klar, dass diese gemeinsamen Abende bald ein Ende haben werden.  Mit Gini und Andi tauschen wir dann endlich auch mal die Handynummer und versprechen uns hoch und heilig, dass wir in Kontakt bleiben und uns gegenseitig besuchen kommen wenn wir wieder zurück zu Hause sind.

Sechs große Bier, sechs Gläser Weisswein und einige gefühlsduselige Freundschaftsschwüre später, wanken wir dann gegen 22 Uhr ein wenig beschwipst in die Herberge zurück und fallen sofort ins Bett.

Noch zwei Tage bis Santiago…


Lust auf noch mehr Berichte über meine Pilgerreise? Hier findet ihr alle bisher erschienenen Berichte und Tagebucheinträge übersichtlich zusammengefasst: Pilgern auf dem Jakobsweg


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Monica Albrecht

Food- & Lifestyleblogger mit Leidenschaft für Minimalismus, Achtsamkeit und Umweltschutz.

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5 Antworten

  1. Katrin sagt:

    Vielen Dank für diesen großartigen Pilgerbericht. Bis hierher habe ich ihn regelrecht verschlungen. Die gleiche Strecke wie ihr laufe ich ab übernächster Woche auch und bin schon sehr aufgeregt :-)

  2. Ines sagt:

    War schon gespannt, wann es weiter geht. Freue mich auf Deine kommenden zwei Berichte!

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