Camino Frances 2016 – Tag 4: Von Astorga nach Rabanal (20 km)

Dienstag, 06.09.2017 – Der Camino ist zum Lernen da!

Nach dem gestrigen Gewaltmarsch von Villar de Mazerife nach Astorga fällt das Aufstehen heute zum ersten Mal extrem schwer. Mein ganzer Körper ist ein allumfassender Schmerz und ich fühle mich wie vom Zug überrollt. Entsprechend lange dauert heute auch das Anziehen. Und vor allem der Besuch im Waschraum. Für die paar Meter von unserem Zimmer brauche ich gefühlt zehn Minuten. Ich laufe wie auf rohen Eiern und kann meine Füße kaum richtig abrollen. Alles ist steif und schmerzt. Sandra geht es ähnlich. Nur Dirk hat es nicht ganz so schlimm erwischt.

Nachdem wir uns schließlich in unsere Wanderstiefel gequält, die Rucksäcke gepackt und vorsorglich eine Schmerztablette eingeworfen haben, wartet die erste große Hürde des Tages auf uns. Wir müssen aus der Herberge raus. Und dazu müssen wir drei Stockwerke nach unten. Das Hinabsteigen der Treppen ist die reinste Hölle und noch tausendfach schlimmer, als der Weg vom Stockbett in den Waschraum. Humpelnd nehme ich eine Stufe nach der nächsten und wünsche mir auf halben Weg, ich könnte mich einfach hinlegen und sterben. An diesem Morgen bin ich mir sicher, niemals in meinem Leben wieder eine Treppe normal hinabgehen zu können. Während ich noch leise vor mich hin fluche und mich für meine Schmerzen selbst ganz fürchterlich bemitleide, sind wir dann aber Gott sei Dank auch schon unten. Wir treten in die Morgendämmerung hinaus und Astorga liegt friedlich vor uns. Keine Spur mehr von dem hektischen Gewusel, welches gestern Abend hier geherrscht hat. Nur wir, unsere leuchten orangenen Rucksäcke und die Statue mit dem Pilgerstab, welche die städtische Herberge bewacht.

Im Dämmerlicht versuchen wir uns zu orientieren und halten planlos nach einem gelben Pfeil Ausschau, der uns aus der Stadt führen soll. Unser Wanderführer bezeichnet diesen Abschnitt des Wegs als “nicht optimal gekennzeichnet” und damit hat er leider definitiv recht. Es sind weder Pfeile noch sonstige Markierungen zu sehen. Auf gut Glück gehen, bzw. schlurfen wir los und schlagen den Weg in Richtung der großen Piazza vor dem Rathaus ein. Nach nur wenigen Metern treffen wir auf die nette kleine Bar, in der wir gestern Abend noch fröhlich Sangria gekippt haben. Sie hat gerade aufgemacht und bietet für wenige Euro dasselbe “Menü” wie gestern in Villavante: Kaffee, Orangensaft und Croissants. Wir werten das direkt als Zeichen und beschließen, erst einmal gemütlich zu frühstücken.

Kaum haben wir unseren Kaffee vor uns, kommen Elke und Franz ums Eck. Die beiden Pilger, die wir bereits auf dem Weg von Léon nach Villar de Mazarife kennengelernt haben. Ich muss innerlich schmunzeln. Gerade mal den dritten Tag auf dem Camino unterwegs und schon trifft man hier und da bekannte Gesichter. Ich finds toll und sauge förmlich die Geschichten auf, die die beiden erzählen. Elke war ursprünglich gemeinsam mit einer Freundin gestartet. Die musste wegen einer Verletzung aber ziemlich früh abbrechen und nach Deutschland zurückfliegen. Elke war alleine weitergezogen und hatte kurz darauf Franz kennengelernt. Seither sind die beiden unzertrennlich und jeder der den beiden begenet, hält sie für ein altes Ehepaar. Elke müsste eigentlich auch längst wieder zurück zu Hause sein, aber sie hatte sich in den Kopf gesetzt, unbedingt in Santagio anzukommen. Und so hatte sie ihren Urlaub einfach immer weiter verlängert. Keine Ahnung, wie ihr Chef das mitgemacht hat. Meiner hätte mir was gehustet.

Während dem Frühstück mit Elke und Franz sind die Schmerzen in den Beinen und im Rücken für kurze Zeit vergessen. Allerdings auch nur, bis wir unser Frühstück verputzt haben und uns endlich auf den Weg machen wollen. Von meinem Stuhl komme ich kaum hoch und die ersten Schritte aus Astorga hinaus fühlen sich an, als würde ich über glühende Kohlen gehen. Zum Glück läuft sich der Schmerz relativ schnell heraus und Meter um Meter geht es besser. Die ersten zehn Kilometer laufen wir dann auch direkt in einen Stück durch. Es geht über hübschen Feldwege auf ebener Strecke beinahe die ganze Zeit gerade aus und wir kommen immer wieder an idyllischen Dörfern vorbei. Langsam füllt sich auch der Weg und wir begegnen immer häufiger anderen Pilgern. Hier und da halte ich ein kurzes Schwätzchen, aber meistens gehe ich für mich alleine und lasse mich mit ein bisschen Musik von meinem iPhone berieseln.

In einer kleinen Bar halten wir für einen kurzen Zwischenstop. Elke und Franz sitzen schon dort und genießen die aufgehende Morgensonne. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass die beiden uns überholt haben. Wir setzen uns auf einen Kaffee dazu, quatschen noch ein bisschen mit den beiden und machen uns aber nach relativ kurzer Zeit schon wieder auf den Weg. Es soll heute noch heißer werden als gestern und wir möchten unbedingt so früh wie möglich in Rabanal ankommen.

Im Laufe der nächsten 5 Kilometer wird es langsam richtig heiß und die Freude ist groß, als wir im nächsten Dorf eine urige Bar im Western-Style entdecken. Bei Dirk und Sandra hat sich in den letzten Tagen das 10-Uhr-Bier eingebürgert und wir halten erneut für eine kurze Rast an. Ich bestelle mir nur eine Fanta und genieße die Sonne. Während wir uns unterhalten und unsere kühlen Getränke genießen, kommt eine Pilgerin an unseren Tisch und fragt, ob wir ein Pflaster für sie hätten. Sie kommt aus Berlin und stellt sich als Ginny vor. Gemeinsam mit ihrem Freund Andy ist sie seit Astorga unterwegs. Ich helfe ihr mit einem Pflaster aus und sie zieht fröhlich weiter.

Auch wir machen uns bald wieder auf den Weg und gehen die letzten 6 Kilometer nach Rabanal an. Aus dem Pilgerführer weiß ich, dass es bis Rabanal noch ein ganzes Stück bergauf geht und bin ein wenig demotiviert. Zumal mittlerweile brütende Hitze herrscht. Der angekündigte Weg bergauf ist dann aber recht schön und erinnert mich sehr an den Weg, der bei mir zu Hause von der Reiterleskapelle aufs Kalte Feld führt. Steil, anstrengend, aber wirklich schön zu gehen. Er ist zwar steinig und ich muss sehr aufpassen, wohin ich trete, aber der Weg führt größtenteils durch einen kleinen Wald und die Temperaturen sind erträglich.

Kaum aus dem Wald draussen, erschlägt mich die Hitze allerdings beinahe wieder. Das letzte Stück bis Rabanal führt auf Asphalt an der Strasse entlang. Keine Bäume, nur sengende Sonne. Und die Hitze, die vom Asphalt nach oben strahlt, macht die Sache auch nicht besser. Wieder mal bin ich an einem Punkt, an dem ich mich nur noch Schritt für Schritt vorwärts schleppe. Sandra ist schon lange nicht mehr zu sehen und auch Dirk setzt sich immer weiter ab. Alle paar Meter muss der Arme stehen bleiben und auf mich warten. Kurz vor dem Ortseingang von Rabanal bin ich schließlich am Ende meiner Kräfte. Ich schleppe mich über die Straße zu einem Haus, auf dessen Hof ein wenig Schatten ist und will mich nur noch setzen. Plötzlich, aus dem Nichts heraus, steht Sandra vor mir. Sie ist gemeinsam mit Ginny, ihrem Freund Andy und ein paar weiteren Pilgern nur wenige Meter weiter in einer kleinen Bar gesessen und hat auf uns gewartet. Wir setzen uns dazu, genießen den Schatten, reden ein wenig und füllen unsere Wasserflaschen auf.

 

Nachdem es meinem Kreislauf besser geht, nehmen wir die letzten Meter bis nach Rabanal in Angriff. Der Weg zieht sich, es ist brütend heiss und dann geht es auch noch stetig bergauf. Aber dann sind wir da und vor uns liegt die wunderschöne Albergue El Pilar. Sandra wollte unbedingt hierher, weil sie Wolf, den Hospitalero, aus einer Facebook-Gruppe kennt. Und nachdem ich Wolf kennengelernt habe, kann ich das auch voll und ganz verstehen. Ein wahnsinnig herzlicher Mensch voller wertvoller Lebenserfahrung. Und nicht müde, diese auch ungefragt weiterzugeben.

Wir beziehen unsere Betten im großen 40-Mann-Gemeinschaftsschlafsaal – dem ersten dieser Art auf unserer Pilgerreise, waschen anschließend unsere Wäsche, gehen Duschen und machen es uns dann auf der schönen Terrasse in der Sonne gemütlich. Ein Blick auf meine Füße offenbahrt dabei böses: Die Blase an meinem Fußballen ist riesig geworden, zieht sich bereits zwischen die Zehen durch und ist prall gefüllt. Kein Wunder, dass ich den ganzen Tag Schmerzen beim Laufen hatte. Hilfe naht jedoch in Form von Roman, dem zweiten Hospitalero von El Pilar. Fachmännisch öffnet er meine Blase, lässt mich meine Füße in Salzwasser baden, desinfiziert alles mit Jod und füllt mir sogar noch zwei kleine Flässchen Jod für die kommenden Tage ab.

Mit frisch verarzteter Blase geht es mir direkt schon viel besser und wir machen uns auf den Weg zur Kapelle von Rabanal. Dort findet am Abend eine Pilgermesse statt und die wollen wir uns unbedingt anschauen. Die Messe ist gut besucht und obwohl sie komplett auf Englisch abgehalten wird, ist sie sehr ergreifend und wunderschön. Mit unserem ersten Pilgersegen geht es schließlich wieder zurück zur Albergue. Bei Wein und einer riesigen Salatplatte sitzen wir noch eine ganze Weile mit Wolf zusammen und unterhalten uns prächtig über seine Erfahrungen auf dem Camino. Seine wichtigste Lektion, die er uns mit auf unseren weiteren Weg gibt: Der Camino ist zum Lernen da. Ein Satz, über den ich noch ein Jahr später nur allzu oft nachdenken sollte.

Als es dunkel wird, verziehen wir uns schließlich in die Betten. Im Bett gegenüber liegt ein ausgemergelter, schlacksiger Mann und ich habe kurz Angst, dass er nicht mehr lebt. Tut er aber natürlich doch und so schließe ich beruhigt die Augen. Das Einschlafen fällt mir an diesem Tag zum ersten Mal richtig schwer. Ich bin es nicht gewöhnt, mit so vielen Personen in einem Raum zu sein. Ständig dreht sich jemand um, hustet, niest, schnarcht oder kramt noch in seinem Rucksack. Die Strapazen des Tages gewinnen aber schließlich doch die Oberhand und ich sinke in einen unruhigen, traumlosen Schlaf.


Lust auf noch mehr Berichte über meine Pilgerreise? Hier findet ihr alle bisher erschienenen Berichte und Tagebucheinträge übersichtlich zusammengefasst: Pilgern auf dem Jakobsweg

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Schwäbischer Lifestyle-Blogger mit Leidenschaft für Minimalismus, Urban Gardening, Food, Reisen & Happy Living

2 Comments

  1. […] Xulian treffen wir Sophia und Lorrain. Die beiden waren, genauso wie John, gemeinsam mit uns in der Albergue in Rabanal. Sophia ist Deutsche und trägt einen überdimensionalen Rucksack mit sich herum, indem sie […]

  2. […] Nacht in Rabanal war unruhig und ich steige gegen 05:30 Uhr ziemlich unausgeschlafen und unmotiviert aus dem Bett. […]

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