Camino Frances 2016 – Tag 11: Von Samos über Sarria nach Barbadelos (ca. 15 km)

Tag 11 – Regen, Tränen und so gut wie keine Fotos

In den Federbetten der Albergue in Samos habe ich wunderbar geschlafen. Tief und fest wie ein Baby. Keiner hat geschnarcht, niemand hatte einen Alptraum – lange habe ich keinen solch erholsamen Schlaf mehr gehabt. Gegen fünf Uhr morgens wache ich deshalb auch schon putzmunter auf. Alle anderen schlummern noch selig und die Albergue liegt im Dunkeln. Ich kuschele mich nochmals in die dicke Bettdecke und genieße die Ruhe. Vom geöffneten Fenster unseres Zimmers weht eine angenehm kühle Brise herein. Leider höre ich aber auch recht schnell, was wir gestern Abend bereits befürchtet hatten: Es regnet.

Gegen 6:30 Uhr springt Sandras Wecker an und Aerosmith trällert durchs Zimmer. Nachdem alle wach sind, schälen wir uns widerwillig aus den Betten und machen und für den Tag startklar. Unsere Rucksäcke haben wir schon gestern Abend gepackt und in weiser Voraussicht lange Hosen, Softshell-Jacke und Regenponcho bereitgelegt. Wir sind bereit für unsere erste Regenetappe. Zum Glück regnet es nicht sonderlich stark und irgendwie freue ich mich sogar darauf, endlich einmal nicht durch Hitze und sengende Sonne laufen zu müssen.

Zwischenziel: Sarria

Als erstes Zwischenziel haben wir uns heute für Sarria entschieden. Eine bedeutende Stadt auf dem Jakobsweg, denn Sarria ist die letzte Stadt vor Santiago, die man verkehrsgünstig erreichen kann und die trotzdem weit genug von Santiago entfernt ist, damit man seine Compostela bekommt. Die erhält man nämlich nur, wenn man mindestens 100 Kilometer zu Fuß nach Santiago gepilgert ist. Oder 200 km mit Fahrrad oder Pferd unterwegs war. Pilger, die von Sarria aus starten, werden deshalb gerne auch 100-Kilometer-Pilger genannt, weil sie nur die absolute Mindeststrecke gehen und sich dabei nur allzu oft trotzdem wie der große Max vorkommen.

Laut dem Pilgerführer sind es von Samos aus knapp 10 Kilometer bis Sarria. 8,7 km, wenn man den offiziellen Weg ignoriert und statt dessen die Fahrradroute entlang der Landstrasse nimmt. Wegen des Regenwetters entscheiden wir uns für die kürzere Variante und tigern munter los. Wenn es schon schüttet, können wir auch den hässlichen Weg an der Straße gehen. Anfangs kommen wir sehr gut voran. Die Temperatur ist zum Wandern geradezu ideal, der Regen ist nicht allzu schlimm und weil die Umgebung nur wenig interessant ist, sind wir auch recht zügig unterwegs. Sandras Fuß geht es heute wieder besser und sie sprintet mal wieder voran. Dirk und ich bleiben mehr oder weniger beisammen und schlurfen hintereinander durch den Nieselregen.

Wenn die Füße langsam nass werden…

Je näher wir Sarria kommen, umso heftiger beginnt es zu schütten. Binnen wenigen Minuten klebt mir meine Wanderhose klatschnass an den Beinen und als die Straße kurz vor Sarria noch einmal ein wenig bergauf führt, stelle ich mit Erschrecken fest, dass meine Füße langsam feucht werden. Ich schicke ein schnelles Stossgebet zum Universum und bitte darum, dass meine Füsse trocken bleiben. Schließlich habe ich doch Goretex verdammt. Scheinbar kommt das Ganze aber zu spät und als die Straße wieder eben wird, schwimme ich schon regelrecht in meinen Schuhen. Bei jedem Schritt platscht es und das Gehen ist einfach nur noch ekelhaft.

Vom Ortschild quäle ich mich schließlich gefühlte Stunden bis in die Innenstadt von Sarria und peile dort die erste Bar an, die mir vor die Nase kommt. Sandra sitzt zufälligerweise schon dort, macht Kaffeepause und wartet auf uns. Ich lasse mich auf einen Stuhl plumpsen, ziehe meine Schuhe aus und nehme das Ganze Schlamassel in Augenschein. Sowohl die Schuhe selbst, als auch die Socken sind tropfnass. Mir ist sofort klar, dass ich so auf gar keinen Fall weitergehen kann. Meine Blase am Fußballen, die mir die letzten Tage gar keine Probleme mehr gemacht hat, ist völlig aufgeweicht und beginnt schon wieder zu schmerzen. Außerdem sind nasse Füsse extrem anfällig für neue Blasen und darauf habe ich mal so absolut keine Lust.

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Das große Heulen

Zum ersten Mal seit unserem Start in Leon kommen mir die Tränen. Wobei das die Untertreibung des Jahrtausends ist. Ich heule wie ein Schlosshund. Wie ich da so in dieser Bar sitze und es um mich herum wie aus Eimern schüttet, bin ich absolut sicher, dass für mich heute in Sarria Schluss ist. Nach nicht einmal 10 Kilometern. Wie peinlich. Sandra schiebt mir zur Beruhigung erst einmal ihre Schachtel Zigaretten entgegen und Dirk bringt mir einen Café con Leche. Nach einer Zigarette und einem großen Schluck Kaffee schaffe ich es dann tatsächlich auch irgendwie, mich einigermaßen zu beruhigen. Meine Schuhe sind aber natürlich trotzdem noch klatschnass.

Gerade, als ich es für mich selbst schon beinahe akzeptiert habe, heute nicht mehr weiter zu können, fällt mein Blick auf ein Geschäft auf der anderen Straßenseite. Auf den ersten Blick halte ich es für eine Apotheke, aber dann sehe ich Wanderschuhe im Schaufenster stehen. Meine Gedanken beginnen zu rattern und ich bitte Dirk, doch mal rüber zu gehen und nachzuschauen, ob es dort evtl. Wandersocken gibt. Ich selbst kann ja nicht rüber, denn ich sitze strümpfig in der Bar und trage die letzten trockenen Socken, die ich noch habe. Dirk geht los und kommt nach ein paar Minuten tatsächlich mit zwei Paar brandneuen Wandersocken zurück.

Projekt “Schuhe trocken bekommen”

Meine Laune bessert sich direkt ein wenig. Allerdings auch nur so lange, bis mir einfällt, dass das Problem mit den nassen Schuhen ja trotzdem noch vorhanden ist. Sandra hat allerdings die zündende Idee und zieht ihren Reisefön aus dem Rucksack. Warum nicht einfach die Schuhe trocken fönen? Ich flitze auf die Toilette der Bar und – Halleluja – direkt neben dem Waschbecken gibt es eine Steckdose. Schnell hole ich meine Schuhe und den Fön und verziehe mich die nächsten 20 Minuten auf dem Klo. Während ich versuche meine Schuhe irgendwie halbwegs trocken zu bekommen, kommt eine völlig durchnässte Deutsche herein. Sie will eigentlich nur kurz pinkeln gehen, aber als sie mich und den Fön sieht, beginnen ihre Augen zu glänzen. Kein Wunder – ihre Hose klebt genauso klatschnass an den Beinen, wie meine vorhin. Ich lasse sie deshalb kurz ihre Hosenbeine trockenfönen und schon zieht sie selig grinsend von dannen.

Zwischenzeitlich ist der Fön ganz schön heiß geworden. Meine Schuhe sind zwar noch lange nicht trocken, aber ich gönne ihm erst einmal eine Verschnaufpause. Meine Schuhe stopfe ich zur Überbrückung mit Papierhandtüchern aus und trotte strümpfig in die Bar zurück. Dirk und Sandra sitzen mittlerweile vor dem obligatorischen 10 Uhr Bier und auf meiner Seite des Tisches steht eine kühle Dose Fanta. Rund 20 Minuten sitzen wir so vor unseren Getränken und überlegen, wie es heute jetzt noch weiter gehen soll. Draußen regnet es noch immer in Strömen und wir beschließen, dass wir es zumindest noch bis nach Barbadelos versuchen. Bis dorthin sind es noch ca. 5 km und das müsste doch irgendwie zu schaffen sein.

Ich verziehe mich ein zweites Mal ins Damenklo und föne für weitere 10 Minuten an meinen Schuhen herum. Wirklich trocken ist zwar anders, aber als ich der Meinung bin, dass sie zumindest trocken genug sind, wagen wir den Versuch weiterzulaufen. Der Regen hat mittlerweile ein wenig nachgelassen und ich habe die Hoffnung, dass es bis Barbadelos wenigstens nur nieselt. Gerade als wir halb durch Sarria durch sind, fängt es aber wieder richtig an zu schütten. Meine Hosenbeine habe ich mir mittlerweile bis zum Knie hochgekrempelt. Das ist zwar ziemlich kühl, aber ich habe die Hoffnung, dass mir das Wasser so wenigstens nicht über die Beine in die Schuhe läuft. Leider funktioniert dieser Plan nur bedingt. Schon nach einem weiteren Kilometer werden meine Socker erneut feucht und ca. auf der Hälfte der Strecke zwischen Sarria und Barbadelos habe ich schon wieder mittelgroße Stauseen in meinen Schuhen.

Next Stop: Barbadelos

Kurz ziehe ich in Erwägung, einfach umzukehren und nach Sarria zurück zu laufen. Der Weg zurück ist mittlerweile aber auch nicht mehr kürzer als der Weg bis nach Barbadelos und deshalb verwerfe ich den Gefanken direkt wieder. Hier am “Point of no return” bin ich mittlerweile nicht mehr traurig oder verzweifelt, sondern werde wütend. So richtig. Ich frage mich, wie es sein kann, dass diese fucking teuren Wanderstiefel so derart undicht sind und formuliere in Gedanken schon gepfefferte E-Mails an Goretex. Nebenbei bettele ich das Universum förmlich an, mir doch wenigens ein paar Minuten ohne Regen zu gönnen.

Kurz vor Barbadelos geht es durch einen Wald steil den Berg hinauf. Schritt für Schritt schiebe ich mich über matschigen Waldboden nach oben und feue mich nebenbei, dass der Regen hier unter den Bäumen wenigstens nicht ganz so schlimm durch kommt. Damit ich mich aber nicht allzu zu sehr freue, fängt meine Blase zwischen den Zehen wieder richtig übel an zu schmerzen. Schon habe ich abgerissene Hautfetzen und neue Blasen vor meinem geistigen Auge und es graust mich davor, nachher meine Schuhe auszuziehen. Als ich aus dem Wald heraus komme, ist es aber erfreulich hell geworden und der Regen hat endlich auch wieder nachgelassen. In der Ferne kann man Barbadelos außerdem bereits sehen und ich lege einen ordentlichen Zahn zu. Nur irgendwie ankommen, bevor der nächste Regenguss herunter kommt.

Wenige Meter vor der Albergue fängt es dann tatsächlich wieder an, kräftiger zu regnen. Sandra sitzt bereits vor der Anmeldung unter dem Dach und hat mal wieder auf uns gewartet. Dirk und ich lassen uns neben Sie fallen und kaum sitzen wir im Trockenen, giesst es schon wieder wie aus Kübeln. Ein Platzregen wie aus dem Bilderbuch. Während Dirk uns erst einmal Weißwein für die Nerven besorgt, ziehe ich vorsichtig Schuhe und Socken aus und mache mich auf das Schlimmste gefasst. Erfreulicherweise ist dann aber doch alles nur halb so wild. Ich habe keine neue Blase bekommen und auch die alte Blase zwischen den Zehen sieht gar nicht so schlimm aus. Beruhigt lasse ich meine Füße trocknen, ziehe das mittlerweile dritte Paar Socken und meine Wandersandalen an und schon sieht die Welt wieder besser aus. Immerhin haben wir knapp über 15 km in diesem grausigen Wetter geschafft und dabei der Versuchung widerstanden, einfach ins nächste Taxi zu springen. Gini und Andi haben das nicht geschafft und ein bisschen gemogelt, wie wir ein paar Tage später erfahren sollten.

Endlich im Trockenen

Als in der Albergue um 13 Uhr endlich der Check In möglich ist, sichern wir uns sofort drei Betten. Hier in Barbadelos ist heute definitiv Schluss für uns. Die Albergue ist superschön und wir bekommen drei Stockbett-Plätze in einem 8-Bett-Zimmer zugewiesen. Das Zimmer ist überraschend geräumig und hat sogar eine eigene Toilette und zwei separate Duschen. Außer uns ist bisher nur eine weitere Pilgerin da und wir sind somit noch fast ungestört. Sandra und ich nutzen die Gunst der Stunde und gönnen uns eine sehr ausgiebige und sehr heiße Dusche. Frisch geduscht und in trockenen Klamotten habe ich dann auch endlich wieder richtig gute Laune.  Ich föne meine Schuhe nochmal ein bisschen trocken, hänge meine nassen Socken auf eine improvisierte Wäscheleine aus Dirks Ersatz-Schnürsenkel und bemerke schließlich, dass mein Magen knurrt. Vor lauter Ärger mit den nassen Schuhen habe ich heute tatsächlich komplett vergessen etwas zu essen.

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Auch Sandra und Dirk sind etwas hungrig und deshalb machen wir uns auf den Weg ins Restaurant der Albergue. Das hat Gott sei Dank gerade aufgemacht und ich bestelle mir eine schöne galicische Empanada. Das ist eigentlich eine Vorspeise und ich erwarte eine Kleingikeit gegen den ersten Hunger. Serviert wird dann aber ein riesiges Stück einer Art Pie, gefüllt mit allerlei Gemüse und kleinen Hackbällchen. Die Empanada schmeckt herrlich und nachdem ich das Monstrum bezwungen habe, bin ich pappsatt. Nach dem Essen wollen wir uns eigentlich ein wenig hinlegen, aber plötzlich passiert ein regelrechtes Wunder und die Sonne kommt raus. Ungläubig schauen wir nach draußen und tatsächlich: Der Himmel ist wie von Zauberhand auf einmal nur noch locker bewölkt und die Sonne strahlt wunderbar warm auf uns herab.

Die Gelegenheit müssen wir natürlich ausnutzen und innerhalb kürzester Zeit ist der Zaun vor der Albergue mit Jacken, Socken und Unterwäsche vollgehängt. Weil wir dem Wetter aber noch nicht so ganz trauen, setzen wir uns vor unserer aufgehängte Wäsche und halten Wache. Der nächste Regenschauer könnte schließlich schon in den Startlöchern stehen. Es kommt aber tatsächlich keiner mehr bis die Sonne langsam hinter den Baumwipfeln über der Albergue verschwindet. Ganz trocken sind unsere Sachen zwar noch nicht, aber ein Anfang ist getan. Wir hängen unsere Wäsche deshalb wieder auf unsere improvisierte Wäscheleine und gehen danach zum Abendessen nochmal ins Restaurant.

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Ich teile mir mit Sandra eine Portion frittierte Calamaris und ein kleines Stück Käsekuchen. Mehr schaffe ich nach der riesigen Empanada von heute Mittag nicht mehr. Nach dem Essen gesellt sich noch ein Recht redseliger Bayer zu uns, aber weil wir nur noch wenig Lust auf das große Quatschen haben, zahlen wir schon bald und machen uns auf in Richtung Bett. Ein letzter prüfender Blick fällt auf die aufgehängte Wäsche: Noch ist nicht alles trocken. Aber es sind ja noch ein paar Stündchen Zeit. Meine Schuhe stopfe ich sicherheitshalber nochmals mit trockenem Toilettenpapier aus und um kurz vor 22 Uhr liege ich im Bett. Meine Bettnachnarin schnarcht schlimmer als Dirk und weil ich die fremde Frau schlecht boxen kann, stelle ich mich auf eine ungemütliche Nacht ein. So lange sie nicht ungemütlicher als der Marsch nach Barbadelos wird, ist aber alles gut.


Lust auf noch mehr Berichte über meine Pilgerreise? Hier findet ihr alle bisher erschienenen Berichte und Tagebucheinträge übersichtlich zusammengefasst: Pilgern auf dem Jakobsweg

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