Und sonst so?

Schönheitsirrsinn und Gesellschaftsdruck – #normalizebodyhair

Lesedauer: 4 Minuten

Auf Instagram folge ich schon lange iisabelsophie aka Isa. Auf ihrem Account geht es vorrangig um Less Waste – also um das Vermeiden von Müll. Isa ernährt sich aber auch vegan, trinkt seit Jahren keinen Alkohol mehr und spricht generell gerne Dinge an, die ihrer Meinung nach in der Gesellschaft nicht richtig laufen. Ganz besonders spannend finde ich ihr Engagement rund um die Bewegung #normalizebodyhair. Isa zeigt sich dafür auf Ihrem Account bewussts immer wieder mit Körperbehaarung. Also mit unrasierten Beinen oder Haaren unter den Achseln. Und erntet dafür nicht nur Jubel.

Die Erste ist Isa mit sowas natürlich nicht. Immer wieder gibt es Prominente, die sich ebenfalls ganz bewusst gegen geltende Konventionen stellen. Die Sängerin Alicia Keys schminkt sich beispielsweise seit Jahren ganz bewusst überhaupt nicht mehr. Stars wie Madonna und Miley Cyrus zeigen sich immer wieder unrasiert in der Öffentlichkeit. Und Taryn Brumfitt hat mit ihrem Film „Embrace“ gleich ein ganzes Meisterwerk in Sachen Bodypositivity für die Nachwelt hinterlassen.

Ich finde sowas spannend. Und inspiriert durch ein Foto von Isas unrasierten Beinen habe ich gestern selbst ein Foto meiner Beine gemacht. Seit zwei Wochen nicht rasiert. Dieses habe ich als Story auf meinem Instagram-Account hochgeladen und meine Follower bei der Gelegenheit gleich gefragt, was sie davon halten. Zur Auswahl standen die Antwortmöglichkeiten „Geht gar nicht“ oder „Sollte voll normal sein„. Was dann passiert ist, hat mich zum einen überrascht und zum anderen auch traurig und nachdenklich gemacht (das klingt jetzt wie so eine Klickbaiting-Überschrift^^)


Teilnehmer und ihre Antworten

An der Umfrage haben über 200 Leute teilgenommen (Stand 16.07. / 12:00 Uhr). 12 % davon haben angegeben, dass unrasierte Beine ein totales No-Go sind. 88 % waren der Meinung, dass unrasierte Beine völlig normal sein sollten. Klingt ja erstmal sehr positiv. Ich wollte aber nicht nur wissen, wie die Meinung allgemein ist, sondern habe noch ein bisschen genauer nachgefragt. Die 12 %, die für „Geht gar nicht“ gestimmt hatten, habe ich aufgefordert, mir zu schreiben, warum das ihrer Meinung nach nicht geht. Hier eine Auswahl der Antworten (anonym natürlich – ich will ja niemanden ans Bein pinkeln):

Jeder kann tragen was er möchte, ich für mich finde es aber nicht ästhetisch *** Ich mag es bei mir glatt und weich. Bei anderen ist es mir egal, ob rasiert oder nicht *** An sich nichts. Ich traue mich nur nicht, sie nicht zu rasieren – wegen der Gesellschaft *** Ich finde es unästhetisch. Stelle mir da immer Mutter Flodder vor *** Eigentlich nichts, aber ich finde es an mir selbst unsexy *** Sieht einfach ekelhaft aus *** Bei mir kann ich mir das nicht vorstellen. Finds bei anderen aber völlig okay

So und da war ich jetzt doch sprachlos. Dass irgendwer mit der Aussage „Ist ekelhaft / nicht sexy“ ankommt, hatte ich erwartet. Das hat mich nicht schockiert. Es hat sich aber ziemlich schnell herauskristallisiert, dass die Mehrheit überhaupt kein Problem mit unrasierten Beinen hat. Also bei anderen. Bei sich selber schon. Und das finde ich richtig schlimm.

Die Gesellschafts-Gehirnwäsche und was sie mit uns gemacht hat

Wieso ist es jetzt aber so, dass so viele Frauen Körperbehaarung bei anderen nicht schlimm finden, bei sich selbst aber schon? Hier kommt unsere Gesellschaft ins Spiel. In der Öffentlichkeit, in den Medien, ja sogar in unseren eigenen Familien sehen wir bei Frauen in der Regel keine Körperbehaarung. Wir sind damit aufgewachsen, dass Frauenbeine und Frauenachseln rasiert sind. Haben gesehen, wie sich unsere Mütter rasieren. Und als sich bei uns selbst die ersten zarten Haare haben blicken lassen, war es selbstverständlich, gleich loszutigern und sich den ersten eigenen Rasierer zu kaufen.

Die meisten Frauen stellen zeitlebens niemals in Frage, warum sie sich überhaupt rasieren. Gewisse Körperstellen zu enthaaren, gehört heutzutage zum Frau-Sein einfach dazu. Wie einige meiner Umfrageteilnehmer ja schon gesagt haben, fühlen sich viele Frauen nicht wohl damit, wenn sie nicht rasiert sind. Unsexy. Dreckig. Wie Mutter Flodder eben. Weil es die Gesellschaft uns einredet. Und mal ganz ehrlich, wie bescheuert ist das eigentlich? Was bei Männern völlig normal ist, ist bei Frauen dreckig? Schmuddelig? Unsexy? Come on….

Ich selbst darf mich da aber ja auch gar nicht rausnehmen. Wenn ich kurze Hosen, Kleider oder ärmellose Tops trage, rasiere ich mich. Weils einfach so ein Frau-Sein-Ding ist. Es kommt aber immer öfter vor, dass ich mich frage, warum ich das mache. Eigentlich fühle ich mich gar nicht weniger sexy, wenn ich mal nicht rasiert bin. Tue ich es also für die Gesellschaft? Für all die anderen? Oder einfach, weil man das „halt so macht“? Und wer sagt denn, dass ich da weiter mitmachen muss?

(ja, ich hab tatsächlich kein frei verfügbares Bild mit behaarten Frauenbeinen gefunden. Mi scusi!)

Große Liebe für die Aussteiger dieses Games

Wie man an meiner Umfrage gesehen hat, macht es den meisten Menschen absolut nichts aus, wenn jemand anderes nicht rasiert ist. Vermutlich würde es den meisten nicht einmal großartig auffallen. Wer schaut denn schon auf die Beine, wenn man sich mit Freunden im Café trifft? Oder wenn man jemandem auf der Straße begegnet? „Ey Karen, heb mal den Arm, damit ich sehen kann, ob du rasiert bist“ -> macht doch kein Mensch.

Wenn Frauen aus dem Rasieren-Game aussteigen, finde ich das toll. Und ich empfinde eine große Liebe für alle, die diesen Mut haben. Ob ich selbst einmal komplett dazu gehören werde? Keine Ahnung. Aber in meinem Kopf ist da definitiv diese kleine Stimme, die leise flüstert: „Mach den Scheiss nicht länger mit“. Wer weiss, vielleicht wird sie ja noch richtig laut. Und bis dahin gebe ich mich damit zufrieden, dass ich gestern meine Beine auf Instagram gezeigt habe. Ganz natürlich. Mit Haaren. In der Öffentlichkeit vor keiner Ahnung wieviel Menschen. Und hey, ich lebe noch ;)


*Wir müssen immer eine Sprache neu erschaffen, die Respekt für Frauen zeigt. Wenn wir für einen Moment mit ihren Schuhen spazieren gehen, wären wir empört


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