Und sonst so?

Schau nicht weg, wenn jemand Hilfe braucht! Warum Zivilcourage so verdammt wichtig ist!

Lesedauer: 4 Minuten

Stellt euch mal vor, ihr habt Feierabend. Es ist Montag. Ihr habt einen echt harten Tag hinter euch und eigentlich wollt ihr nur schnell mit dem nächsten Zug nach Hause fahren und eure Ruhe haben. Doch dann seht ihr eine Person bewusstlos auf dem Boden liegen. Euer Adrenalin steigt, euch schiessen tausend Sachen durch den Kopf und plötzlich ist der Feierabend, der Montag, ja sogar die Sehnsucht nach Ruhe ganz weit weg.

Sowas passiert doch immer nur anderen

Ihr glaubt nicht, dass euch so etwas passieren kann? Täusch euch da mal lieber nicht, denn exakt das ist mir gestern im Zug nach Hause passiert.

Weil ich jahrelang Mitglied beim Deutschen Roten Kreuz war und zudem im Büro betrieblicher Ersthelfer bin, ist es für mich zu keiner Zeit zur Debatte gestanden, nicht zu helfen. Das antrainierte Wissen war zum Glück sofort wieder da und so bin ich schon wenige Sekunden später auf dem schmutzigen Boden des Regionalzugs gekniet und habe das volle Erste Hilfe Programm abgespult: Vitalcheck, stabile Seitenlage, Notruf und – ganz wichtig – einfach da sein und dem Verletzten zeigen, dass er nicht alleine ist. So lange bis der Notarzt da ist. Auch wenn man dadurch noch später nach Hause kommt.

Die Angst vor Helfen

So selbstverständlich es für mich auch war, so weiss ich doch auch, dass viele Menschen ein großes Problem damit haben, einfach so spontan zu helfen. Meist liegt das nichtmal daran, dass man nicht helfen möchte, sondern an der Angst, irgendetwas falsch zu machen. Gar nichts zu tun und wegzuschauen ist aber tausendmal schlimmer, als etwas falsch zu machen. Und genau aus dem Grund schreibe ich heute diesen Beitrag. Ich möchte euch Mut machen. Mut zu helfen, wenn Hilfe gebraucht wird.

Seid niemand, der einfach nur rumsteht, gafft und wartet. Seid selbst derjenige, der das Ruder in die Hand nimmt und hilft. Ihr wisst nie, ob ihr nicht vielleicht schon Morgen selbst auf so einen Menschen angewiesen sein werdet.

5 Tipps für den Umgang mit Notsituationen

Damit ihr künftig keine Angst vor solchen Situation habt, habe ich euch fünf wertvolle Tipps zusammengetragen, wie ihr reagieren könnt und wie ihr mit Ängsten und Unsicherheiten umgeht:

1. Hab kein schlechtes Gewissen, wenn ihr unsicher seid und euch hilflos fühlt

Unsicherheit ist in einer solchen Situation mit das Erste, was man fühlt. Man ist überfordert, hat keine Ahnung, wie man reagieren soll und vielleicht hat man sogar den Reflex, einfach wegzuschauen und zu gehen. Es wird ja sicherlich irgendjemand anderes helfen. Wenn euch das passiert – und das wird es ziemlich sicher – habt bitte kein schlechts Gewissen. So zu fühlen ist völlig normal. Lasst es zu. Aber lasst es nicht überhand nehmen. Und lasst euch deshalb vor allem nicht davon abhalten, zu helfen.

2. Nicht warten – einfach hingehen und machen!

Fangt gar nicht erst an, darüber nachzudenken, ob jemand anderes besser oder schneller helfen könnte als ihr. Schaut euch nicht um, ob jemand anderes da ist, der eventuell anstalten macht, zu helfen. Nehmt die Sache selbst in die Hand, geht zu der betreffenden Person und schaut einfach nach was los ist.

3. Helft so gut ihr könnt und spannt umstehende Passanten ein

Wenn die betreffende Person wirklich Hilfe braucht, dann helft ihr so gut wie ihr es ganz persönlich könnt. Hab dabei keine Scheu davor, andere Personen einzuspannen und zuzugeben, dass ihr etwas nicht könnt. Wenn ihr zum Beispiel nicht wisst (oder euch spontan vor Aufregung nicht mehr daran erinnert), wie man eine stabile Seitenlage macht oder den Puls fühlt, dann macht das überhaupt nichts. Fragt einfach aktiv umstehende Passanten (und glaub mir, die werden da sein!) wer so etwas kann und fordert denjenigen dazu auf, euch JETZT zu helfen. In Notsituationen braucht es Menschen, die Aufgaben deligieren können. Und viele Menschen haben erst dann den Mut etwas zu tun, wenn sie aktiv angesprochen werden.

(Den Puls übrigens am Besten immer mit Zeigefinger und Mittelfinger an der Halsschlagader fühlen – niemals den Puls mit dem Daumen fühlen! Da spürt ihr im dümmsten Fall nur euren eigenen.)

4. Habt keine Angst vor dem Notruf

Wir alle haben mal gelernt, auf was es beim Absetzen eines Notrufs ankommt und welches die richtige Notrufnummer ist. Im Fall der Fälle passiert es aber schnell, dass einem vor lauter Aufregung gar nicht mehr einfällt, wie ein korrekter Notruf geht. Das ist aber überhaupt nicht schlimm und sollte euch niemals davon abhalten, den Notruf zu wählen.

Es ist völlig egal, ob ihr letztendlich beim Notruf, der Feuerwehr oder bei der Polizei landet, geholfen wird euch grundsätzlich immer. Die Mitarbeiter sind geschult darin, mit aufgeregten, überforderten Personen umzugehen. Versucht einfach so ruhig wie möglich zu bleiben. Die Person am anderen Ende der Leitung wird das Ruder in die Hand nehmen und euch die richtigen Fragen stellen, um genau das zu erfahren, was sie wissen müssen.

5. Last but not least: Bringt euch niemals selbst in Gefahr

So wichtig Zivilcourage auch ist, eine Regel solltet ihr niemals vergessen: Bringt euch niemals selbst in Gefahr. Es ist keinem verletzen oder hilflosen Menschen geholfen, wenn ihr euch bei einem etwaigen Rettungsversuch selbst verletzt. Bleibt in solchen Fällen unbedingt in einem sicheren Bereich, wählt den Notruf und wartet, bis qualifizierte Helfer eintreffen.

Nützlich machen könnt ihr euch natürlich trotzdem immer. Kümmert euch in so einem Fall am besten einfach darum, dass der Weg zum Verletzten so frei wie möglich ist, dass keine Gaffer im Weg stehen und zeigt den Rettungskräften, wohin sie müssen. Wenn der Verletzte ansprechbar ist und euch hören kann, ist es oft auch schon eine große Hilfe, mit diesem zu reden. Das zeigt dem Verletzten, dass jemand da ist. Ihr könnt demjenigen dadurch eine echte Hilfe sein, auch wenn ihr nicht direkt bei der Person seid.

Und jetzt seid ihr dran…

Ich wünsche es wirklich niemandem, dass er in die Situation kommt, helfen zu müssen. Wenn es euch aber irgendwann doch passieren sollte, dann wünsche ich mir, dass ihr euch an diesen Text erinnert und einfach mal mutig seid. Es könnte Leben retten!

Seid keine Gaffer, sondern Helfer!


Ergänzung: Wenn ihr irgendwo dazu kommen solltet, wo schon Ersthelfer am Werk sind, dann drängt euch bitte nicht auf, nur weil ihr auf Teufel komm raus irgendwas machen wollt. Ihr könnt natürlich immer nachfragen, ob ihr noch irgendetwas tun könnt, aber wenn euch die Helfer zu verstehen geben, dass die Situation unter Kontrolle ist, dann haltet euch bitte zurück. Steht nicht im Weg rum und gafft auch nicht! Wenn ihr andere Leute gaffen seht, dann sprecht sie darauf an und macht ihnen klar, dass sie das lassen sollen. Damit ist in diesem Fall am meisten geholfen.


3 Kommentare

  • Gudrun

    Hallo Monica, wichtiges Thema, schöner Artikel!
    Auch an die beiden, die schon kommentiert haben: gut gemacht. Ich bin auch der Überzeugung, dass jeder helfen kann, und wer wenig oder kein Ersthelfer-Wissen hat, kann da sein, beruhigen, Zuwendung geben, andere mit ins Boot holen. – Ich bin z.B. einmal zu einem Autounfall – zum Glück nur mit Blechschaden, ohne Verletzte – gekommen. Da ich die erste war, habe ich die Polizei gerufen, ein Warndreieck aufgestellt, einen Anwohner gebeten, auf die andere Seite eins zu stellen, mit den beiden Unfallfahrerinnen gesprochen, gefragt, ob ich jemanden verständigen soll, gewartet, bis die Polizei kam… Lauter Kleinigkeiten, aber wichtig in so einem Fall. Umso wichtiger ist es, dazusein, wenn es Verletzte gibt.

  • Doro

    Ein wichtiges Thema! Ich habe bereits drei Mal den Notruf / Polizei anrufen müssen und ja, da pulsiert das Adrenalin. Aber man hilft! Und da sagt auch keiner spinnen sie? Lappalie! Da wird geholfen.

    Ich erinnere mich ungern daran, dass ich mal auf der Autobahn auf den Seitenstreifen fuhr, weil ein Mann liegen geblieben war und aus seinem Motorraum qualmte es. Die Autobahn war voll und es war Stau. Ich war die einzige, die anhielt.
    Der Mann war etwas durcheinander und ich habe ihn erst einmal zur Seite genommen. Meine Freundin lief die sich stauenden Autos ab und fragte nach Feuerlöschern. Wir fanden welche: gerade rechtzeitig, denn der Motor brannte auf einmal. Die Feuerwehr hatte ich zwischenzeitlich auch angerufen. Der Mann war total aufgeregt und obwohl er eigentlich deutsch sprechen konnte, war er da in dem Moment gar nicht in der Lage und sprach nur französisch (er kam aus der Schweiz). Ich spreche es zum Glück auch und so kamen wir dann endlich irgendwann an einen Punkt an dem er merkte : er ist nicht allein in einem fremden Land mit seiner kleiner Katastrophe. Das tat gut, zu helfen. Ich würde es immer wieder tun und bin dennoch erschüttert wie viele Leute einfach weiter gefahren sind, als da ein Auto auf der Autobahn brannte und wir augenscheinlich Hilfe brauchten.
    Naja. Wenn man die Welt verändern will, muss man bei sich selber anfangen.

    Alles Liebe,
    Doro.

  • Christiane

    Ein wichtiges Thema! Mein letzter Erste Hilfe Kurs war der zum Führerschein vor Jahren…
    Vor 3 Jahren war ich auf einer Laufveranstaltung und ca 1 km vor dem Ziel ging es einer Frau sichtlich schlecht, sie saß am Rande der Strecke, umringt von ihren Laufpartnerinnen. Dennoch bin ich gemeinsam mit meiner Freundin kurz stehen geblieben, um zu fragen ob wir helfen können. Zum Glück hatte ich ein Handy dabei… In der Minute in der wir da standen und eine der Freundinnen den Mann anrufen wollte, damit er die zusammengeklappte Frau abholt, ist sie völlig kollabiert. Ich war total geschockt, ich wusste nicht, was ich tun sollte. Meine Freundin (ebenfalls beim Roten Kreuz) hat sie erst mal in die stabile Seitenlage gebracht, ich habe den Notruf gewählt. Der Rettungsdienst bei der Veranstaltung war sehr schlecht organisiert, die Leitstelle konnte niemanden vor Ort erreichen und musste einen Wagen aus der Stadt losschicken. Zum Glück waren einige Ärztinnen und Krankenschwestern unter den Läuferinnen, die ebenfalls anhielten und halfen. Der Verletzen ging es immer schlechter, zum Glück waren Helfer vor Ort, die wussten, was zu tun ist, denn die stabile Seitenlage hat die Lage nur verschlimmert, die Dame bekam keine Luft mehr, dann Schnappatmung. Da ich selbst nichts tun konnte, habe ich einfach versucht die Verletze so gut es geht abzuschirmen und die vorbeilaufenden Läufer weiter zu schicken, wenn es sich nicht gerade um medizinische Fachkräfte handelte. Nach einer gefühlten Ewigkeit kamen 2 freiwillige Rettungsdienstler mit dem Rettungsrucksack angeschlappt, denen habe ich erst mal Beine gemacht. Beide waren angesichts des dramatischen Zustands sehr überrascht… Zum Glück wusste meine Freundin, was die alles im Rucksack hatten, ansonsten wüsste ich nicht, wie das ausgegangen wäre. Der Zustand der Zusammengebrochenen war lebensbedrohlich, zum Glück enthielt der Rucksack einen Defibrilator & Intubationsset und zum Glück waren Helfer da, die das zu benutzen wussten. Wie aufs Stichwort kam der Notarzt, nach dem defibriliert und intubiert war und die Dame konnte ins Krankenhaus gebracht werden.
    Ich habe mich noch nie in meinem Leben so hilflos gefühlt. Und trotzdem habe ich alles getan was ich konnte, denn jeder kann etwas tun! Danach habe ich erst mal meine 1. Hilfe Kenntnisse aufgefrischt… Dennoch hoffe ich, dass ich sie nicht brauche und dass ich nie wieder mit ansehen muss, wie ein Herz wieder zum schlagen gebracht wird…

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