Minimalismus Alltags-Quickie #1 – Challenges ignorieren

concentrated woman carrying stack of cardboard boxes for relocation

Wer sich mit Minimalismus beschäftigt, kommt um eine Sache nicht herum: Challenges. Ob auf Blogs, in Podcasts oder auf Instagram, fast überall wird mit Challenges gearbeitet. Auch ich habe einige ausprobiert und hier auf meinem Blog gab es früher auch schon welche. Die meisten Challenges befassen sich mit dem Ausmisten und Loslassen, manche aber auch mit Konsumverzicht oder ähnlichen Dingen. Merkmal fast aller ist es, dass sie zeitlich begrenzt sind und zu gewissen Verhaltensweisen oder Verhaltensänderungen anspornen sollen. Das Problem an der Sache: Sie funktionieren so gut wie nie und stressen am Ende mehr, als sie entlasten sollen.

Endgegner 30 Tage Minimalismus Challenge

Die schlimmste Challenge, die ich im Bereich Minimalismus kennen, ist zweifelsohne die 30 Tage Minimalismus Challenge. Das Prinzip dahinter klingt einfach: Am ersten Tag wird ein Teil aussortiert, am zweiten Tag zwei Teile, am dritten Tag drei und so weiter. Nach Ablauf der 30 Tage soll man damit sage und schreibe 465 Dinge losgeworden sein.

Die ersten paar Tage der 30 Tage Minimalismus Challenge sind toll. Man kommt vorwärts, die ersten Dinge verlassen den Haushalt und man ist extrem motiviert. Spätestens nach einer Woche kommt dann aber die Ernüchterung. Hat man bis dahin durchgehalten, ist man gerade mal 28 Dinge los geworden. Und es wird nicht nur immer schwieriger, neue Dinge zu finden, die man aussortieren möchte, sondern man benötigt auch immer mehr Zeit dafür. Dann lässt man es einen Tag schleifen, zwei Tage, drei Tage und schließlich gibt man auf.

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Was bleibt, ist das Gefühl versagt zu haben

Mit jeder abgebrochenen Challenge, wächst das Gefühl, versagt zu haben. Anstatt sich über die Dinge zu freuen, die man losgelassen hat, dominieren Gedanken, dass man selbst nicht geschafft hat, was andere scheinbar mühelos hinbekommen. Oft treiben einen genau diese Gedanken dann gleich zur nächsten Challenge. Wenn die letzte nicht geklappt hat, dann eben die nächste. Irgendwas muss ja funktionieren.

Vorne Hui, Hinten Pfui

Ob die Initiatoren einer Challenge selber wirklich so mühelos agieren und ihre eigene Challenge wirklich so locker flockig hinbekommen, erfahren wir übrigens nie. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie verlockend es ist, zu tricksen. Social Media Posts können vorproduziert, geplant und perfekt getimed veröffentlicht werden. Für den Teilnehmer einer Challenge ist es nicht erkennbar, ob ein Erfolg wirklich tagesaktuell ist oder längst im Voraus geplant wurde. Ich will damit keinesfalls unterstellen, dass jeder Blogger, Instagrammer, TikToker, Podcaster whatever bei Challenges trickst, aber ich sag mal so: Ich bin mir ziemlich sicher, dass es viele tun. Und damit ihre eigenen Leser / Fans verarschen.

Social Media und Medien im Allgemeinen sind ein Haifischbecken. Selbstinszenierung an der Tagesordnung. Wer sich in den Medien in die Öffentlichkeit stellt, zeichnet ein perfektioniertes Bild seiner selbst. Stilisiert sich selbst zum Vorbild für andere. Und diese Vorbildfunktion muss gepflegt werden. Mit allen Mitteln. Vielleicht mag das den ein oder anderen desillusionieren – es ist aber die Wahrheit. In der Minimalismusszene genauso wie unter Food- oder Fashionbloggern.

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Alternative zu Challenges? Trust the Process!

Was also tun, wenn man einiges reduzieren möchte, dafür aber etwas Ansporn braucht? Die Lösung ist einfach: Anstatt sich von einer Challenge in die Nächste zu stürzen, hilft es, sich einige Dinge bewusst zu machen:

  1. Chaos und zu viel Besitz sind nicht von heute auf morgen gekommen. Und was nicht von heute auf morgen gekommen ist, muss auch nicht zwingend von heute auf morgen weg sein.
  2. Social Media ist toll, um sich miteinander zu vernetzen – die Grenze zwischen Realität und Fake ist aber sehr fließend. Influencer zeigen sich im besten Licht. Sie werden im Normalfall keine Fails und kein Versagen zeigen. Das gehört aber dazu und ist ein wichtger Lernprozess.
  3. Es ist keine Schande, wenn man auch nach vielen Jahren noch nicht fertig ausgemistet hat. Minimalistisch zu leben ist ein Prozess, der keine Deadline hat.

Wichtig ist nur, was DIR gut tut

Eines der wichtigsten Dinge, die ich in mittlerweile sechs Jahren Minimalismus gelernt habe, ist die Tatsache, dass es nur darauf ankommt, was jedem persönlich gut tut. Vergleiche mit anderen sind leider allzu oft pures Gift. Natürlich spricht nichts dagegen, sich Anregungen holen und sich von anderen anderen inspirieren lassen, aber viel wichtiger – und übrigens auch viel spannender – ist es, seinen eigenen Weg zu entdecken. Challenges schränken dabei nur ein. Sie stressen uns, sie setzen uns unter Erfolgsdruck und lassen uns allzu oft mit einem schlechten Gefühl zurück. Wer auf sie verzichtet und seinen eigenen Weg sucht, wird langfristig mehr Erfolg haben. Der ist dann zwar eher nicht Social Media tauglich, dafür nachhaltig und auf Maß zugeschnitten.

Wenn also das nächste Mal wieder eine neue Challenge um Teilnehmer buhlt, ignorier sie doch einfach mal. Und staune, wie schön es ist, dein eigenes Ding durch zu ziehen. In deinem eigenen Tempo. Ganz so wie es für dich richtig ist! Auch das ist Minimalismus

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4 Comments

  1. Katrin says:

    Genau so hab ich das auch schon erlebt, egal ob es vor ein paar Jahren die Vegan-Challenge von Herrn Hildmann (sollte 100% funktionieren) oder die „100 days of creativity“ waren – hat alles ein paar Tage geklappt und dann nicht mehr, weil entweder der Alltag dazwischen kam oder es mich genervt hat, dass man plötzlich zum Kochen 1000 verschiedene Schüsselchen und Gefäße und nochmal so viele seltene und damals noch schwer zu beschaffende Gewürze benötigt. Das Gute ist in beiden Fällen gewesen, dass ich, obwohl ich die jeweilige Challenge nicht geschafft habe, insgesamt mehr kreatives Bastelzeug gemacht habe (und immer noch mache). Und ich habe mich bewusst mit vegetarischer/veganer Ernährung beschäftigt und herausgefunden, dass das auch lecker sein kann, wenn man nicht täglich die ganze exotische Gewürzpalette herausholt und die Küche ins Chaos stürzt (wobei beides auch gelegentlich voll o.k.. ist, aber eben nicht jeden Tag).

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  2. Sarah says:

    So wertvoll, das hätte ich mal vorher „wissen“ sollen.
    Wir haben letztens tatsächlich die 30-Tage Minimalismus Challenge gemacht da wir letztes Jahr zwei Hausstände zusammen gelegt hatten. Das Resultat, ähnlich wie von dir beschrieben: Erst ging es gut, dann war es irgendwann nervig jeden Tag dafür Zeit aufwenden zu müssen. Irgendwann standen hier Kisten mit Sachen rum „zu verkaufen“, „Sozialkaufhaus“, „Familie“, „zu verschenken“ (welche aufgrund des „schlechten Wetters“ häufig tagelang nicht mal raus gestellt werden konnte) und nach guten 20 Tagen haben wir dann in einer gefühlt volleren Wohnung aufgehört, im Chaos versunken.
    Die erste Challenge und das Ende vom Lied: ich mache das nie wieder!

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