10 Jahre Minimalismus: Was ich über das Loslassen gelernt habe (und gerne schon früher gewusst hätte)

Als ich vor zehn Jahren auf das Thema Minimalismus stieß, war mein Leben gerade an einem Punkt, an dem mir vieles einfach zu viel geworden war. Ich führte damals einen recht erfolgreichen Foodblog mit aktiver Community, doch im Laufe der Zeit veränderte sich etwas. Plötzlich war mein Blog kein kreatives Hobby mehr, sondern es ging nur noch um Reichweite, Follower und Erwartungen. Es gab Kooperationen, Termindruck und damit irgendwann auch das Gefühl, immer weitermachen zu müssen, wachsen zu müssen, abliefern zu müssen. Der Spaß verflog, der Druck stieg und mein gesamter Alltag drehte sich nur noch um Content.

Ich zog die Reißleine, schloss den Blog und tauchte erstmal eine Runde ab. Und genau in dieser Zeit stieß ich auf das Thema Minimalismus. Es kam genau zum richtigen Zeitpunkt. Weniger Dinge. Weniger Ballast. Weniger Überforderung. Das klang genau nach dem, was ich gerade brauchte.

Ich verschlang alles, was ich zu dem Thema finden konnte, und dachte, ich müsste nur einmal richtig ausmisten, meinen Besitz reduzieren und mein Leben vereinfachen, dann würde es mir besser gehen. Heute, zehn Jahre später, weiß ich: So einfach war es nicht.

Minimalismus hat mir nicht alle Probleme abgenommen. Ausmisten hat mein Leben nicht plötzlich perfekt gemacht. Und ich habe auf diesem Weg einige Dinge gelernt, die ich damals gerne schon gewusst hätte. Heute möchte ich diese Dinge mit dir teilen. Damit du nicht 10 Jahre für diese Erkenntnisse brauchst.

1. Weniger Dinge lösen nicht automatisch deine Probleme

Als ich mit Minimalismus anfing, hatte ich eine ziemlich einfache Vorstellung davon: Wenn ich weniger besitze, habe ich weniger, worum ich mich kümmern muss und damit weniger Chaos, weniger Arbeit und auch weniger Ballast. Und natürlich steckt darin auch etwas Wahres. Aber weniger Dinge zu besitzen, löst nicht automatisch die Probleme, die man vielleicht gerade in seinem Leben hat.

  • Man kann ausmisten und trotzdem gestresst sein.
  • Trotz ausgemisteter Wohnung kann man überfordert sein.
  • Man kann seinen Besitz reduzieren und muss trotzdem nicht wissen, wie es weitergehen soll.

Das musste ich erst lernen.

Minimalismus kann helfen. Er kann Dinge vereinfachen und den Blick auf das eigene Leben verändern. Aber er ist keine Wunderlösung, die plötzlich alles zum Guten wendet. Man kann nicht einfach alles aussortieren, was einen belastet.

2. Man kann auch zu viel ausmisten

Es gab eine Zeit, in der ich am liebsten alles loswerden wollte. Je weniger, desto besser war meine Devise. Ich mistete radikal aus und stellte vieles infrage. Brauche ich das wirklich? Nutze ich es oft genug? Könnte ich nicht auch ohne leben? Unter anderem habe ich Bücher weggegeben, die ich heute sehr vermisse. Einige davon habe ich inzwischen sogar wieder gekauft.

Das ist vielleicht eine der Erkenntnisse, die ich meinem früheren Ich am liebsten mitgegeben hätte:

Du musst nicht alles loswerden.

Nur weil etwas gerade nicht regelmäßig genutzt wird, bedeutet das nicht automatisch, dass es keinen Platz in deinem Leben haben darf. Und nur weil man etwas besitzt, das man nicht unbedingt braucht, ist es nicht automatisch Ballast.

Manche Dinge machen einfach Freude. Gehören zu unserer Geschichte. Und manchmal merkt man erst später, dass man etwas doch gerne behalten hätte. Das ist kein Scheitern, es ist eine Erfahrung.

3. Minimalismus kann selbst Druck erzeugen

Das ist wahrscheinlich eine der widersprüchlichsten Erfahrungen, die ich mit Minimalismus gemacht habe: Etwas, das mein Leben eigentlich leichter machen sollte, hat zeitweise selbst Druck erzeugt. Auch heute passiert es mir noch, dass ich in meinen Kleiderschrank schaue und denke: Ich habe immer noch viel zu viel.

Aber was bedeutet eigentlich „zu viel“? Zu viel im Vergleich zu wem? Zu viel nach welchen Regeln?

Minimalismus kann schnell zu einem neuen Maßstab werden. Plötzlich geht es nicht mehr darum, was für einen selbst funktioniert, sondern darum, ob man minimalistisch genug ist.

  • Wie viele Kleidungsstücke darf man besitzen?
  • Welche Menge Bücher darf ich im Schrank haben?
  • Wie viele Dinge sind noch okay?

Irgendwann habe ich verstanden, dass ich diese Fragen für mich gar nicht beantworten kann, indem ich auf andere schaue. Es gibt keine Zahl, die mich zu einer besseren oder schlechteren Minimalistin macht.

4. Es gibt keine richtige Menge an Dingen

Heute bedeutet ein minimalistisches Zuhause für mich nicht mehr, dass ich möglichst wenig besitzen muss. Ich möchte stattdessen lieber die Dinge besitzen, die ich brauche. Aber auch die Dinge, die ich einfach schön finde. Die mir Freude machen. Die ich gerne um mich habe. Und die mein Leben und meinen Alltag leichter machen, anstatt ihn schwerer zu machen. Und das können für andere Menschen auch ganz andere Dinge sein als für mich:

Vielleicht besitzt jemand nur wenige Bücher und möchte das ganz genau so. Ich selbst lese gerne und habe heute kein Interesse mehr daran, meinen Buchbestand auf eine möglichst kleine Zahl zu reduzieren.

Vielleicht braucht jemand nur ganz wenige Kleidungsstücke. Ich dagegen möchte mich nicht bei jedem Blick in meinen Kleiderschrank fragen müssen, ob ich schon wieder zu viel besitze.

Die richtige Menge ist nicht die Menge, die auf Instagram gut aussieht. Es ist die Menge, die für das eigene Leben funktioniert.

Du möchtest noch weitergehen?

Wenn dich das Thema Minimalismus und ein leichterer Alltag beschäftigt, findest du hier noch mehr Inhalte von mir:

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5. Minimalismus darf individuell sein

Ich bin heute weit davon entfernt, Minimalismus als Regelwerk zu betrachten. Minimalismus bedeutet für mich inzwischen nicht mehr, dass man gar nichts mehr kaufen darf. Es bedeutet auch nicht, dass man in einer fast leeren Wohnung sitzen muss. Und erst recht nicht, dass alles, was man besitzt, nachhaltig, plastikfrei und perfekt sein muss.

Natürlich finde ich es wichtig, über Konsum nachzudenken. Über Nachhaltigkeit. Und auch darüber, was und warum wir Dinge kaufen. Aber ich möchte nicht aus einer Sache, die mein Leben leichter machen soll, ein neues Dogma machen.

Es gibt nicht den einen richtigen Weg. Minimalismus kann und darf unterschiedlich aussehen. Und er darf sich auch verändern. Was vor zehn Jahren für mich funktioniert hat, muss heute nicht mehr funktionieren. Und was heute für mich persönlich richtig ist, muss nicht für andere Menschen passen.

Weg vom Dogma. Hin zu Individualität und Akzeptanz.

Das ist wahrscheinlich eine der wichtigsten Veränderungen in meinem Verständnis von Minimalismus.

6. Loslassen bedeutet mehr, als Dinge loszuwerden

Am Anfang ging es für mich beim Loslassen vor allem um Gegenstände. Mit der Zeit hat sich meine Vorstellung davon aber sehr verändert. Ich habe gelernt, dass man auch andere Dinge loslassen kann. Gesellschaftliche Erwartungen zum Beispiel. Vorstellungen davon, wie ein Leben aussehen sollte. Normen, denen man glaubt entsprechen zu müssen. Oder die Idee, dass es für alles einen richtigen Weg gibt.

Ich habe gelernt, dass nicht jede Erwartung, die von außen an mich herangetragen wird, auch zu mir passen muss. Und dass ich nicht alles erfüllen muss, nur weil andere Menschen es von mir erwarten.

Loslassen kann manchmal auch bedeuten, sich von Menschen zu entfernen. Oder Beziehungen anders zu gestalten. Nicht alles und jeder muss für immer denselben Platz im eigenen Leben haben. Das war für mich eine viel größere Erkenntnis als die Frage, wie viele Dinge in einen Kleiderschrank passen.

7. Ich muss nicht alles kontrollieren

Eine Erkenntnis, die für mich ebenfalls mit der Zeit gekommen ist, hat auf den ersten Blick vielleicht gar nicht so viel mit Minimalismus zu tun: Ich muss nicht alles selbst machen und ich muss auch nicht alles kontrollieren.

Andere Menschen dürfen Dinge anders machen als ich. Sie dürfen Aufgaben anders erledigen, sie dürfen andere Prioritäten haben und sie müssen nicht automatisch falsch liegen, nur weil ich etwas anders machen würde.

Verantwortung abzugeben fällt mir nicht immer leicht. Vor allem dann nicht, wenn ich weiß, dass etwas möglicherweise anders gemacht wird, als ich es gemacht hätte. Aber ich habe gelernt, dass ich nicht für alles verantwortlich sein muss und dass ich auch aushalten kann, wenn Dinge nicht genau so passieren, wie ich es mir vorgestellt habe. Auch das ist für mich eine Form des Loslassens.

8. Ein ruhiges Zuhause schafft Ruhe im Kopf

Minimalismus hat mir außerdem gezeigt, wie stark meine Umgebung auf mich wirkt. Ein aufgeräumtes Zuhause löst natürlich keine Probleme. Aber ich habe für mich festgestellt, dass eine ruhige und aufgeräumte Umgebung auch für Ruhe in meinem Kopf sorgt. Und diese Ruhe brauche ich.

Deshalb ist mein Zuhause für mich heute auch mehr als ein Ort, an dem ich meine Sachen aufbewahre. Es ist der Ort, an dem ich mich erholen möchte. An dem ich nicht ständig von unerledigten Dingen, herumliegenden Gegenständen oder Aufgaben erinnert werden möchte.

Das bedeutet nicht, dass bei uns immer alles perfekt aufgeräumt ist. Natürlich nicht. Aber ich habe verstanden, dass Ordnung für mich nicht bedeutet, dass alles aussehen muss wie in einem Einrichtungskatalog. Ordnung bedeutet für mich, dass mein Zuhause mich nicht zusätzlich belastet.

9. Kleine Dinge sofort zu erledigen, kann unglaublich viel verändern

Früher dachte ich bei Veränderungen oft an große Projekte: Groß ausmisten, die ganze Wohnung organisieren, einen neuen Plan entwickeln oder von heute auf morgen alles anders machen. Heute weiß ich, dass die kleinen Dinge im Alltag oft einen viel größeren Unterschied machen.

Eine Sache direkt wegzuräumen zum Beispiel. Oder etwas kurz zu erledigen, anstatt es auf später zu verschieben. Und auch, eine Aufgabe nicht liegen zu lassen, bis aus fünf Minuten plötzlich eine große Baustelle geworden ist.

Diese kleinen Dinge haben mein Verständnis von einem einfachen Alltag nachhaltig verändert. Ich glaube heute nicht mehr daran, dass man sein Leben an einem Wochenende komplett verändern kann. Aber ich glaube daran, dass kleine Entscheidungen, die wir immer wieder treffen, mit der Zeit einen großen Unterschied machen.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum sich Minime.life über die Jahre verändert hat. Aus einem Blog über Minimalismus wurde nach und nach ein Ort, an dem es um einen einfacheren Alltag geht. Um Routinen, um Haushalt, um Ordnung, um weniger Mental Load und auch um die Frage, wie wir uns das Leben ein bisschen leichter machen können.

10. Ich muss niemandem beweisen, wie minimalistisch ich bin

Früher habe ich mich viel mehr verglichen. Mit anderen Menschen, mit anderen Minimalisten, mit dem, was gerade als richtig oder erstrebenswert galt und auch mit dem, was auf Social Media gerade im Trend war.

Heute interessiert mich das alles deutlich weniger. Ich muss niemandem beweisen, wie minimalistisch ich bin. Ich muss keine bestimmte Anzahl an Dingen besitzen. Ich muss keine Regeln erfüllen. Und ich muss mich nicht rechtfertigen, wenn sich mein Leben oder meine Vorstellungen verändern.

Vielleicht ist das die größte Veränderung in den vergangenen zehn Jahren. Ich bin entspannter geworden. Nicht, weil ich inzwischen alles verstanden habe. Sondern weil ich akzeptiert habe, dass ich nicht alles perfekt machen muss.

Ich darf Dinge ausprobieren, meine Meinung ändern, Fehler machen, Dinge behalten, Dinge loslassen und ich darf mir Zeit lassen.

Trust the process. Take your time.

Wenn ich meinem Ich von vor zehn Jahren heute etwas sagen könnte, wären es wahrscheinlich das hier: Trust the process and take your time.

Du musst nicht alles auf einmal verändern. Es ist nicht nötig, dein gesamtes Zuhause an einem Wochenende auszumisten. Du musst nicht sofort wissen, wie dein perfektes Leben aussehen soll. Und du musst auch nicht innerhalb weniger Wochen herausfinden, welche Dinge du behalten und welche du loslassen möchtest.

Manche Dinge brauchen Zeit. Manche Erkenntnisse kommen erst Jahre später. Und manchmal stellt man auch fest, dass man einen Weg wieder ein Stück zurückgehen möchte.

Ich habe Bücher weggegeben und später wieder neu gekauft. Hatte Vorstellungen von Minimalismus, die ich heute definitiv nicht mehr teile. Und ich habe im Laufe der Jahre gelernt, dass weniger nicht automatisch besser ist. Heute geht es für mich nicht mehr darum, möglichst wenig zu besitzen. Die wichtigere Frage ist:

Was macht mein Leben leichter und was unnötig schwer?

Vielleicht ist das auch die wichtigste Sache, die ich in zehn Jahren Minimalismus über das Loslassen gelernt habe. Loslassen bedeutet nicht immer, etwas wegzuwerfen. Manchmal bedeutet es, Erwartungen loszulassen. Vergleiche. Perfektionismus. Den Anspruch, alles richtig machen zu müssen. Oder die Vorstellung, dass es für jeden Menschen denselben richtigen Weg gibt.

Nach zehn Jahren weiß ich vor allem eines: Minimalismus ist für mich kein Ziel. Er ist auch keine Liste von Regeln. Und ich muss auch nicht immer minimalistischer werden. Minimalismus war für mich der Anfang einer Entwicklung und diese Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen. Vermutlich wird sie es auch nie sein. Und das ist gut so!

Trust the process. Take your time.

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