Reisen

Jakobsweg 2016 – Was der Weg mit mir gemacht hat und warum ich so schwer in den Alltag zurück finde

Es ist Sonntag.  Der erste fies-regnerische Herbstsonntag in diesem Jahr. Während ich mit dem Laptop auf dem Sofa liege, prasselt draußen der Regen gegen die Scheibe und aus dem Fernseher dudelt ein Football-Spiel. Vor mir auf dem Bildschirm blinkt der Cursor und fordert mich unerbittlich auf, endlich die weiße Leere zu füllen.

Über meine Pilgerreise auf dem Jakobweg will ich schreiben. Euch endlich erzählen, auf was ihr schon so lange wartet und all die Fragen beantworten, die seit einer Woche auf mich einprasseln:

„Wie war es denn jetzt auf dem Jakobsweg?“, „War es sehr anstrengend?“, „Hast du Blasen bekommen?“, „Taten die Füße sehr weh?“

Ich denke kurz über all diese Fragen nach und muss ein wenig schmunzeln. Sie sind so… simpel. Und schnell beantwortet. Ich könnte einfach sagen: „Toll“ | Jein | Ja | Nein“ und schon wäre ich mit diesem Blogpost am Ende. Ihr hättet eure Antworten und ich könnte faul auf dem Sofa lümmeln.

Von Wundern und Begegnungen

Ganz so einfach kommt ihr mir aber natürlich nicht davon. Und ich mir selbst vermutlich auch nicht. Es hat nämlich durchaus einen Grund, warum ich mich seit einer Woche davor drücke, diesen Post zu schreiben.  Und auch, warum mir die Worte bei dieser Sache so schwer über die Tatstatur kommen.

Dieser Weg, mit all seinen Wundern und Begegnungen, hat unfassbar viel mit mir gemacht. Er hat so vieles innerlich wachgerüttelt, dass es schlichtweg unmöglich ist, die Tragweite dessen innerhalb von nur einer kurzen Woche zu erfassen.

Der Weg nimmt dir alles und gibt es dir dreifach zurück

Hape Kerkeling hat in seinem Buch „Ich bin dann mal weg“ den schönen Satz geschrieben „Der Weg nimmt dir alles und gibt es dir dreifach zurück“.

Bevor ich nach Spanien aufgebrochen bin, konnte ich mir nicht vorstellen, was er damit gemeint hat. Mittlerweile weiß ich es:

Der Jakobsweg ist kompliziert und anstrengend, er bringt einen an den Rand des Wahnsinns und sogar kurz darüber hinaus, er bereitet Schmerzen, lässt einen Fluchen, macht Angst und treibt einem vor Verzweiflung bittere Tränen in die Augen. Und dann, wenn die Kraft beinah aufgebraucht ist und man denkt, es geht endgültig nicht mehr weiter, dann schenkt er einem auf einmal das reine Glück. Er nimmt die Angst, trocknet die Tränen, zaubert ein Lächeln aufs Gesicht, erfreut einem mit den schönsten Landschaften, die man jemals gesehen hat und schickt einem genau zur richtigen Zeit die genau richtigen Menschen an die Seite.

Der Camino ist zum lernen da

Ganz zu Beginn unserer Reise sagte Wolf, unser Hospitalero in der Albergue in Rabanal, dass der Jakobsweg zum lernen da sei. Und tatsächlich, mit jeder Minute, die man auf diesem Weg verbringt, findet man weiter zu sich selbst.

Was ich selbst auf dem Camino für mich gelernt habe, übersteigt jegliche Erwartung, die ich jemals an diesen Weg hatte. Ich habe nicht nur gelernt auf mich und meinen Körper zu hören, sondern auch, auf meine Kraft zu vertrauen und, wenn nötig, über meine persönlichen Grenzen hinaus zu gehen. Ich habe erfahren dürfen, wie wunderbar es sein kann, alleine zu sein, die Stille zu genießen und die Gedanken fließen zu lassen. Auf meinem Weg habe ich Freiheit gekostet, losgelassen und Ängste überwunden. Ich, einer der weltgrößten Schisser überhaupt, bin plötzlich steile Abhänge heruntergeklettert und habe Bäche über glitschige Steine überquert. Im Dunkeln bin ich mit Stirnlampe durch Wälder marschiert und habe ohne mit der Wimper zu Zucken den gefürchteten Camino Duro hinter mich gebracht. Ich habe es  sogar akzeptiert, morgens nicht zu wissen, wo ich am Abend schlafen würde. Und es war einfach phantastisch!

Der Weg hat mich vor allem aber auch Vertrauen gelehrt. Vertrauen in mich selbst und in meine Mitmenschen. Er hat mir gezeigt, dass es die schweren, steilen und steinigen Wege sind, die am schönsten sind und die sich am meisten lohnen. Und er hat mich in der Überzeugung zurück gelassen, dass es im Leben keine Zufälle gibt. Denn jede einzelne Begegnung und jede noch so kleine Erfahrung, die ich auf dem Weg gemacht habe, hat mir unendlich viel gegeben. Nicht nur auf dem Camino selbst, sondern auch heute noch.

Und der Camino Spirit bleibt…

Wenn ehemalige Pilger mir erzählten, dass der Jakobsweg sie nie mehr so richtig losgelassen hat, habe ich das immer als blödes Geplänkel abgetan. Heute weiß ich, was sie damit meinten. Der Weg ist einfach allgegenwärtig. Jeden Tag, jede Minute, jede Sekunde. Auch nach der Rückkehr ins alte Leben. Egal was ich mache oder wo ich bin, der Camino ist immer da. Präsent in meinen Gedanken und Erinnerungen, in Gefühlen und in Bildern und in tausend kleinen Dingen, die anderen Menschen vermutlich gar nicht auffallen.

Dieses Gefühl, diese Allgegenwärtigkeit, dieser besondere „Camino Spirit“ ist auch genau der Grund, warum ich so ungern die oberflächlichen Fragen beantworte, die meine Mitmenschen mir stellen. Keine Antwort, die ich geben kann, würde den Fragen auch nur ansatzweise gerecht. Daher gebe ich ab sofort nur noch die einfachste Antwort auf jede Frage rund um den Camino: Wenn du wirklich verstehen willst, dann mach dich auf die Reise und geh den Weg selbst.

In diesem Sinne „Buen Camino“

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P.S. Meine gesammelten Erlebnisse, Eindrücke und Begegnungen vom Jakobsweg werden noch im Laufe diesen Jahres in Tagebuch-Form als E-Book erscheinen. Melde dich gleich zu meinem Newsletter an, wenn du die Veröffentlichung nicht verpassen willst:

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